Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 101

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Band Silly fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Silly

 

Im April vor 35 Jahren gegründet


Spätestens seit im März vor drei Jahren die viel beachtete Comeback-CD „Alles Rot“ auf den Markt kam, war die Berliner Band wieder in aller Munde. Man konnte sie in etlichen großen TV-Abendshows sehen und hören, in die es (bis auf wenige Ausnahmen) in den vergangenen zwanzig Jahren kaum eine ehemalige „Ostband“ schaffte. In diesen Tagen nun erschien die neuste Silly-Produktion „Kopf an Kopf“. Fast drei Jahre Zeit haben sich die Musiker um Sängerin Anna Loos (Uwe Hassbecker, Rüdiger „Richie“ Barton, Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek, Reinhard Petereit, Sebastian „Basti“ Reznicek, Daniel Hassbecker und Ronny Dehn) für Erarbeitung und Produktion der Scheibe Zeit genommen. Aufgenommen und gemischt wurden die 14 Songs in verschiedenen Studios. Schon eine Woche vor Verkaufsstart lag die Platte ganz weit vorn in der Vorbestellungsliste von Amazon. Das Medienecho ist schon jetzt beachtlich und wird sich wohl während der am 13. Mai beginnenden Tour noch steigern. silly1.jpg

 Verfolgt man die Medienberichte, hat man zuweilen den Eindruck, die Band existiere erst seit wenigen Jahren. Neulich behauptete sogar mal ein Radioreporter, „Silly“ gäbe es „ja nun auch schon seit 20 Jahren“. Da hat sich der gute Mann geirrt. Auch wenn das derzeit nicht in den Schlagzeilen steht: „Silly“ wird in diesem Monat 35! Anzunehmen ist, dass die Band wenig Wert auf dieses Jubiläum legt. Schließlich ist nicht einer der Gründungsmitglieder und der Musiker der ersten Jahre heute mehr dabei. Thomas Fritzsching (g) etwa und Mathias Schramm (bg), die „Silly“ 1978 gründeten und sich Tamara Danz als Sängerin dazu holten. Genau so wie Michael Schafmeier (dr), Ulrich Mann (key) und Manfred Kusno (key). Damals traten sie noch als „Familie Silly“ auf, denn „Silly“, das kam den Kulturchefs irgendwie westlich angehaucht vor (dabei soll eine Katze Name gestanden haben).

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 Familie Silly“ war dann o.k., das klang ein bisschen nach dem beliebten Schlagwort von der „sozialistischen Menschengemeinschaft“. Dabei war das mit der „Familie“ gar nicht so abwegig. War die Band für die Musiker doch stets so etwas wie ihre Familie, selbst über den Tod von Tamara Danz hinaus. Dass die Band sich ab 1982 wieder „Silly“ nennen konnte, hatte gewiss damit zu tun, dass Tamara und ihre Musiker zu jener Zeit schon über die Grenzen der Republik hinaus bekannt waren. War doch das erste Album der Band im Westen erschienen, noch bevor es bei Amiga herauskam. Nach „Mont Klamott“ (1983) wusste nun fast jeder etwas mit dem Namen Silly anzufangen. Und wenn Tamara als die „Wilde Mathilde“ über die Bühne fegte, hielt es keinen auf dem Stuhl. Es waren vor allem die Präsenz von Tamara Danz und die Texte von Werner Karma, die „Silly“ unverwechselbar machten.

1982 holte Tamara den Keyboarder Ritchie Barton von der Gruppe Magdeburg in die Band, Mann und Kusno gingen. 1984 kam Herbert Junck für Schafmeier. Bis kurz vor seinem frühen Krebstod im Jahr 2005 gehörte er dazu. 1986 musste Mathias Schramm (gestorben 2007) gehen, wurde durch Jäcki Reznicek von „Pankow“ ersetzt. Uwe Hassbecker von „Stern Meißen“ stieß 1986 dazu. Inzwischen waren mit „Liebeswalzer“ (1985) und vor allem „Bataillon d`Amour“ (86) zwei weitere beachtliche Platten erschienen. 1989 folgte „Februar“, erstmals überwiegend mit Texten von Tamara und Gerhard Gundermann. Nach der Wende führten „Silly“ viele Gastspiele nach Dänemark, Schweden, Österreich und sogar in die USA. Auch die Texte des Folgealbums „Hurensöhne“ (1993) stammten von Danz und Gundermann. In Münchehofe, der Heimat von Tamara, bauten Ritchie, Uwe und Tamara ihr „Danzmusikstudio“ auf. Noch während der Produktion der wunderbaren Platte „Paradies“ – das Album, zu dem Tamara alle Texte selbst schrieb – wurde bei der Sängerin Krebs diagnostiziert. Kurz nach der Veröffentlichung der CD, am 22. Juli 1996, starb „das Gesicht von Silly“ mit gerade mal 46 Jahren. 

 

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Die „Familie Silly“ landete mit „Ich bin der letzte Kunde“ einen Hit; Silly Anfang der 90er; Tamara
trug früher eine „schicke“ 80er-Jahre-Frisur.
Fotos: Archiv

Ohne Tamara, der „Chefin“, schien das Projekt „Silly“ am Ende, die vier Musiker blieben in Verbindung, widmeten sich nach einer Auszeit aber verschiedenen anderen Aufgaben als Dozent, Studiomusiker oder Produzenten. Erst 2004/05 gingen Hassbecker, Barton und Reznicek als „Silly“ wieder gemeinsam auf Tour – mit vielen Gästen wie Kathi Karrenbauer, IC, Joachim Witt, Toni Krahl, Anja Krabbe und Silbermond. Mit der Schauspielerin Anna Loos fanden sie damals eine neue Sängerin, die neben Karma auch eigene Texte zur neusten Platte „Kopf an Kopf“ beisteuerte. An Tamara, mit deren Namen „Silly“ immer verbunden sein wird, erinnert seit dem 16. November 2005 eine Straße in Friedrichshain, die ihren Namen trägt.

Ingeborg Dittmann