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gelbke1.jpg Schnell noch mal Leben spüren
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke sieht Licht am Ende des (Fernstudium)-Tunnels und schickt Grüße aus Gran Canaria

Wie beginnen? Mit der Ukraine? Mit den 500 (in Worten: fünfhundert) Todesurteilen in Ägypten? Hör‘n Se mir uff mit Demokratie! Und Putin wird das schon schaffen, die alte Sowjetunion wieder aufzubauen. Warum auch nicht – wenn es bloß keinen Krieg gibt. Eines hat er ja schon mal erreicht: Dass unsere Kanzlerin eine gute Begründung hat, zur Atomenergie zurückzukehren.

Dann also zu den unwichtigen Dingen: Klausur Nr. 8 geschrieben. Natürlich hatte ich mich viel zu gut vorbereitet. Normalerweise kommen Fragen aus allen drei Themenkomplexen des jeweiligen Moduls. Ich hatte alles drauf: Wie unser Alphabet und die Nationalsprachen entstanden sind, was Karl der Große vom Lesen und Schreiben hielt, welchem Schrifttyp die ägyptischen Hieroglyphen zugeordnet werden. Aber diesmal konnte man nur eine Frage aus einem der Komplexe wählen – und ob ich da nun mit meinen alphabetisierenden Missionaren auf den Philippinen und in Indien letztendlich auf den Punkt gekommen bin, werde ich erst in zwei Monaten wissen. Aber ich denke schon, durchgefallen bin ich auf keinen Fall, soviel Selbstbewusstsein habe ich mir in den sechs Jahren Fernstudium doch schon angeeignet. In diesem Semester nun noch drei Hausarbeiten. Bei der ersten geht es um kulturelle Integration und Kommunikation. Was läge näher als über „Kabarett mit migrantem Hintergrund“ zu schreiben. Und im nächsten Jahr um diese Zeit gebe ich die Abschlussarbeit ab. Dann sind die sieben Jahre, die so endlos schienen, auch schon wieder Vergangenheit…

Außerdem faste ich seit dem Aschermittwoch – trinke also keinen Alkohol. Das fällt mir nicht schwer, meine Freundinnen aber finden mich echt langweilig. Und als ich beim Gärtnern auch noch sieben Tage lang nur Wasser, Säfte und Gemüsesuppe zu mir nahm, hat Rita, die das Helfen im Garten immer durch eine gemeinsame Flasche Rosé-Sekt motiviert, ihre Hilfe verweigert. Sie wolle nicht dabei sein, wenn ich wegen Entkräftung plötzlich umfalle. Und dass der Blutdruck schlagartig unten sei – alles Einbildung! Placebo. Da mir Gärtnern ohne Rita keinen Spaß macht und mein Arzt mir – trotz des nun plötzlich wirklich sensationellen niedrigen Blutdrucks - ziemlich panisch mitteilte, mein Herz sei laut neuestem EKG nicht in Ordnung, habe ich kurz entschlossen einen Restplatz-Flug plus Privatquartier direkt am Meer gebucht – und schreibe diese Zeilen von Gran Canaria aus. Statt vielleicht einfach mal zu einem Herzspezialisten zu gehen, um nach Linderung der Beschwerden zu suchen. Meine Güte, ich bin durch meinen Vater vorbelastet, der ist mit 68 am dritten Infarkt verstorben. Okay, er hatte auch ein aufregenderes Leben hinter sich als ich Wohlstandskind: Fünf Jahre im Krieg, fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft und danach Musiker in den total verrauchten Tanzschuppen Leipzigs. Trotzdem, es kann ganz schnell gehen, wie wir alle aus näherer Umgebung wissen. Also schnell noch mal Leben spüren: Luft, Sonne, berauschende Frühlingsdüfte…

Obwohl: Mit der Sonne ist es so eine Sache. Die traumhafte Wohnung, die ein junger, spanischer Pilot vermietet, liegt wirklich direkt am Meer, aber im Norden der Insel. Es ist einfach immer bewölkt, stürmisch und kalt. Sagen wir‘s mal so: Ich hätte auch an die Ost- oder Nordsee fahren können. Also fliehe ich mit meinem Fiat Panda Richtung Sonne und habe über tausende von atemberaubenden Serpentinen schon die ganz Insel umrundet – was gewaltiger klingt als es ist: Gran Canaria ist mit zirka 60 Mal 60 Kilometer Fläche nicht sehr viel größer als Berlin. Jetzt steht eigentlich nur noch die Inseldurchquerung aus, was bedeuten würde: 10 Kilometer Serpentinen. Harte Arbeit! Ich denke, ich entscheide mich fürs Faulenzen am Strand von Maspalomas, der schönste der Insel. Die nächste Reise steht übrigens bereits Ostern an: Paris mit Paula, das hatte ich ihr vor zwei Jahren, an ihrem 33. Geburtstag, geschenkt. Dann ist auch die Fastenzeit vorbei und ich darf mal wieder einen Schluck Rotwein schlürfen.

Bis dahin grüße ich Euch alle

Euer Reise-Junky Daggie

P.S. Auf keinen Fall „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und verschwand“ im Kino anschauen! Ist gegenüber dem Buch eine herbe Enttäuschung