gelbke1.jpg Mit Röstzwiebeln in den Socken nach Marokko
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat die halbe Welt zu Gast im eigenen Haus – doch noch immer kein Pferd

Haltern am See, gleich bei Datteln, wo ich seit einiger Zeit gastiere, ist ein romantischer, an riesigen Stauseen gelegener Ort. Ich bin im Februar dort ab und zu zwischen den Proben zu „Heiße Zeiten“ spazieren gegangen, um Texte zu repetieren. Nun ist es ein Ort der Trauer und vielleicht werden erst einmal weniger Frauen in unserem Theater sitzen. Denn das Leid, das ein selbstverlorener Psychopath diesen Müttern angetan hat, ist nicht in Worte zu fassen. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, denn Paula ist gerade am Wochenende vor dem Flugzeugabsturz aus Barcelona zurückgekommen. Aber sie sagt, es kann immer etwas passieren, Mama, denk an die Schulmassaker, an die Terroranschläge – im Moskauer Musicaltheater vor ein paar Jahren zum Beispiel. Leben ist gefährlich. Und Menschen sind unberechenbar. Leider ist das wohl der Preis der Freiheit, die wir über alles stellen. 

Ich bin im Moment mit all der Realität irgendwie überfordert. Das kann zum einen an Erkältung Nr. 7 in sieben Monaten liegen. Ich sage dazu nichts mehr, außer, dass ich auf das Wirken des homöopathischen Wundermittels aus der Hausapotheke meines Bühnenkollegen Frank Brunet hoffe. Auch den Tipp der bunt gewürfelten internationalen Mitarbeiterschar im Tschechow- Theater werde ich ausprobieren: Zwiebeln leicht rösten, in ein Tuch wickeln, unter die Fußsohlen legen und mit Socken drüber über Nacht wirken lassen. Das soll die Krankheitserreger aus dem Körper ziehen. Bei Franks Wundertropfen haben sich die Beschwerden nach der ersten Anwendung immerhin schlagartig verschlechtert, was zeigt, dass die Kur anschlägt. 

UNTERMIETER KRIEGEN PLATTEN

Ansonsten kann ich stolz berichten, dass meine Studienarbeit über den Schriftstellerverband der DDR mit einer glatten Eins bewertet wurde. Ein wunderbarer Professor! Nun müsste ich nur noch die letzte Prüfung angehen, aber: Ich sagte es schon - irgendwie bin ich gerade überfordert. Mit seelsorgerischen Aufgaben in meinem Umfeld. 

Nichts gegen meine wechselnden Air BnB-Untermieter, die halten mich auf dem Laufenden über die unbegrenzten Möglichkeiten, die das Leben parat hat: Im Moment wohnt Paul für vier Wochen bei mir. Er macht ein Praktikum als Tischler, weil er Möbelrestaurator werden und irgendwann, im hohen Alter wie ich, Kunstgeschichte studieren will. Er ist total unkompliziert mit seinen 20 Lenzen, kommt aus einer Kleinstadt bei Fulda und sieht aus wie Michel Polnareff, der Schwarm meiner Teenagerzeit. „La poupée qui fait non“ war 1966 dessen großer Hit in Deutschland. Habe in Paul schon mal einen Abnehmer für meine alten Blues-Schallplatten gefunden – er schenkt sie seinem Bruder zum Geburtstag. Oder das junge Ehepaar aus Plauen, dessen fünfjähriger Sohn beim Anblick meines Hauses begeistert ausrief: „Cool, ein richtiges Gespensterschloss“. Sein Papa Alexander hat dann gleich mal meine Plakatentwürfe für neue Lesungen ins richtige Format gesetzt, was mir einen ganzen Tag lang nicht gelungen war. Mit dieser jungen Familie im Haus kam ich mir wirklich vor wie die verrückte Oma aus Berlin. Dann kam ein älteres Ehepaar aus Schwaben, das sich den Mauerradweg vorgenommen und sich dabei etwas übernommen hatte, wie Frau Angelika hinter vorgehaltener Hand zugab.

CHINESISCHE MEDIZIN BESORGT

Aber da kommen auch diese wunderlichen „Fälle“, die zu schriftstellerischer Phantasie anregen. Der junge Chinese zum Beispiel, der sich nach sechs Wochen im stets verdunkelten Keller mit dem traumtänzerischen Versprechen verabschiedet hat, er würde mich im nächsten Jahr gemeinsam mit seiner bis dato nicht auffindbaren Ex-Freundin besuchen. Hikikomori nennt man in Japan solche jungen Leute, die mönchsgleich wochenlang im Dunkeln sitzen, um ein seelisches Problem zu lösen. Nun ist China zwar nicht Japan, aber die Richtung stimmt doch. Trotzdem war er der aufmerksamste Untermieter, den ich je hatte. Er hat mir unaufgefordert chinesische Medizin besorgt, als meine Stimme krank war, und wie in einem klassischen Chinafilm aus der englischen Kolonialzeit hat er sogar nachts meinen Hof gekehrt, bevor er zurückflog nach Hongkong. Nun kommt wieder ein junger Asiate für vier Wochen, der weder Englisch noch Deutsch spricht und entweder ein ganz schlechtes Übersetzungsprogramm als Kommunikationsmittel nutzt oder Humor hat: Als ich ihm anbot, ihn am Flughafen abzuholen, schrieb er zurück, er hoffe, mein Pferd könne ihn tragen. Allerdings habe ich für diesen Fall unseren Koreanistik-Professor HeeSeok im Freundeskreis, der als Notfalldolmetscher fungieren kann. 

VERMÖGEN IN SEX GESTECKT

Aber dann kommen noch verlorene Freundinnen aus Jugendtagen in mein Haus, die nach vielen, vielen Ehejahren vor den Scherben ihres Lebens stehen, weil ihre genauso alten Männer entweder das gemeinsame Vermögen in Sexspiele oder in Spekulationsgeschäfte steckten. Die sich trennen wollen, es aber nicht schaffen, die immer wieder zurückgehen, sich demütigen, sogar schlagen lassen und doch keine Anzeige erstatten. Dr. Sabine zum Beispiel hat aus Angst vor ihrem Ehemann, der einst aus einem befreundeten arabischen Land in die DDR kam, das von den Eltern ererbte Haus verlassen, bezahlt aber weiterhin alle laufenden Kosten und dem Mann seine Handygebühren. Und da redet man sich den Mund fusselig, dass wir im deutschen Rechts- und Sozialstaat leben, betet die einzuleitenden Schritte wie ein Mantra herunter und letztendlich wird man beschuldigt, kein Verständnis für die Situation zu haben. Sabine hat das Asyl bei mir in Film reifer Inszenierung verlassen und ist jetzt in einem Krisenzentrum, in dem sich geschultes Fachpersonal um sie kümmert. Nichts deprimiert mehr, als wenn man als Helfer versagt zu haben scheint. Bloß gut, dass ich damals, nach der Wende, nicht Psychologie studiert habe. Ich wäre nicht dafür geschaffen gewesen, zu hoffen, das selbst modellierte Elend anderer zerschlagen zu können. Ich ziehe meinen Hut vor allen, die das drauf haben. Und umso mehr vor denen, die unverschuldetes Leid lindern helfen – wie jetzt beim Flugzeugabsturz in den französischen Alpen. 

Über Ostern übrigens überlasse ich nun Hauskater Karl den beiden jungen Männern im Keller und fliege nach Marokko zum Auftanken – ach herrje, der Koreaner ist ja Koch! Wie war das noch mal – stehen Hunde oder Katzen in Korea auf dem Speiseplan? Oder war das in China? Ist das nicht dieselbe Richtung? Na, ob das erholsame Tage werden? Euch, Ihr lieben jot w.d.-Fans, wünsche ich sie aber von Herzen! 

Eure verhinderte Psychotherapeutin Daggie