gelbke1.jpg An Wunder glauben
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat wie einst Egon „einen Plan“ und bekommt plötzlich „Kalte Füße“

Sechs Monate Auslandsaufenthalt, das will geplant sein. Aber mach mal einen Plan! Gar nicht so einfach. Bisher lief alles wie am Schnürchen: Letzte Studienarbeit tatsächlich abgegeben, danach noch ein paar Sensationsgastspiele, u.a. in der Alten Dampfbäckerei in Seelow und in Datteln, wo plötzlich Ingrid Raack, Puppendoktor Pille und Carola Crautz als Überraschungseier in meiner Garderobe standen – und alle hatten dicht gehalten. Und Wolfgang Flieder von den Frankfurter „Oderhähnen“ war auch mit seiner Gattin angereist, um mich nach der Vorstellung von „Heiße Zeiten“ zu fragen: „Daggie, darf ich Meryl Streep zu Dir sagen?“

Nun sind vor dem Italienurlaub (der geplant wurde, als an meinen sechsmonatigen Teneriffa- Aufenthalt noch nicht zu denken war) schnell noch grobe Arbeiten im Garten zu erledigen: Laub harken, vertrocknete Blütenstände herunter schneiden, in blaue Müllsäcke pressen und bei der BSR abliefern, damit bei der Rückkehr mit der Feinarbeit begonnen werden kann. Bei der Arbeit draußen habe ich wohl kalte Füße bekommen. Nun sitze ich verschnupft da und werde meiner Tochter die Venedig-Reise vergällen. Laufe zwar – wie meine chinesischen Untermieter bei Erkältungen auch– mit so einer Gesichtsmaske herum, aber trotzdem: Richtig gesund bin ich gerade, da ich dieses schreibe, nicht. „Kalte Füße bekommen“ – was wollen Körper und Geist mir damit sagen? Ist dieser Plan, ein halbes Jahr im Ausland zu arbeiten und nicht zu Hause zu sein, vielleicht doch nur eine Trotzreaktion, weil ich hier nicht mehr gefragt bin? Oder habe ich Angst, dass mir auf Flughäfen, in Flugzeugen oder beim Besuch von Touristenattraktionen etwas Schlimmes passieren könnte? Mein Freund aus Israel sagt, genau diese Angst wollen die radikalen Islamisten schüren. Und ich frage mich wie ein Kind: Warum? Ja – die Waffen, die wir liefern, schüren den Hass auch. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass im Irak Raketen mit Sprengköpfen aus radioaktiven Abfallprodukten eingesetzt wurden und dort nun die Krebsraten bei Kindern und die entsetzlichsten Missgeburten enorm zunehmen. Aber dann sollen sie Waffenfabriken sprengen und nicht zivile Ziele. Ich glaube, diese verblendeten Typen sind einfach dumm. Neulich habe ich einen großartigen englischen Film aus dem Jahre 2010 gesehen: „Four Lions“ – eine Satire auf islamistische Terroristen (ja, das geht!). Paula und ich mussten sich eingestehen: Ja, die sind so blöd, wie sie dargestellt wurden. Dass der Regisseur Christopher Morris noch lebt, ein Wunder. Also, was lernt uns das, wie wir Germanisten zu sagen pflegen: Man muss an Wunder glauben. Ob das Wunder der Kanzlerinnenherrschaft nach den AfD-Erfolgen aber 2017 noch einmal geschehen wird? Ich wage daran zu zweifeln. Manchmal frage ich mich, warum Angela Merkel keine kalten Füße kriegt, wenn sie stur ihr „Wir schaffen das“ vertritt. Sie hätte wahrscheinlich mehr Gründe, verschnupft zu sein als ich. Und es gibt bestimmt genügend Leute, die ihr nicht nur einen Schnupfen in die Nase wünschen.

Trotz alledem: Fröhliches Schrebergärtnern und in der Kaffeepause diese tolle jot w.d. lesen – und ab Mai neu abonnieren, auch, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren.

Eure Daggie