Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 137

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Gunther Emmerlich

 

Lieber vielseitig als einfältig

Auch wer kein Opernfreund ist, der ist dem Mann mit der beeindrukkenden Bassstimme garantiert schon irgendwo begegnet. Denn Vielseitigkeit ist das Credo des gebürtigen Thüringers und bekennenden Dresdners, der sich neben dem so genannten ernsten Fach nie für die Unterhaltungsmusik zu schade war. „Erlaubt ist, was gefällt“, sagt er und deshalb habe er auch keine Berührungsängste zur Volksmusik. Moderierte er doch selbst die TV-Gala „Krone der Volksmusik“. Vor allem aber ist Gunther Emmerlich seit Jahrzehnten auf der Opern-, Operetten- und Musical-Bühne zuhause, gastierte fast im gesamten europäischen Raum, in Asien, Nord- und Südamerika (u.a. in der Carnegie Hall New York). Doch er singt auch Chansons, Volkslieder, Dixieland, Jazz und Swing. Und er ist ein charmanter und humorvoller Moderator. Viele kennen ihn noch als Gastgeber der Sendung „Showkolade“ des DDR-Fernsehens. Von 1994 bis 2006 moderierte der Dresdner in der ARD die „Zauberhafte Heimat“ und von 2006 bis 2015 war er zehn Jahre lang „das Gesicht“ des Semper- Opernballes. 

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 Mit Solisten der Sächsischen Staatskapelle gibt er Konzerte mit Kirchenmusik, als „Semper House Band“ bringt er mit seinen Kollegen ein heiteres Programm mit Swing und Dixieland auf die Bühne. Mit seiner langjährigen Duett-Partnerin, der Sopranistin Deborah Sasson, gestaltet er Konzerte und Liederabende, ebenso wie mit der Sopranistin Eva Lind das Programm „Frühling im Herzen“. Er sei „lieber vielseitig als einfältig“, betont der studierte Opernsänger. Außerdem habe er einen Sprachfehler: Er könne nicht NEIN sagen. Zum Glück wohl auch für das Marzahner Publikum, das den „Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande“ (1997) im März beim Talk „Wenn die Neugier nicht wär“ im Freizeitforum an der Marzahner Promenade erleben konnte (siehe Beitrag auf Seite 4). Die Moderatorin gratulierte, darauf Emmerlich: „Ich bin auch zweimal als Aktivist ausgezeichnet worden, dazu hast du mir noch gar nicht gratuliert!

Der am 18. September 1944 im thüringischen Eisenberg geborene Sänger wuchs nach dem frühen Tod der Eltern bei seiner älteren Schwester auf. Nach dem Abitur studierte er zunächst an der Ingenieurschule für Bauwesen in Erfurt, machte nebenher aber immer Musik. „Meine erste Band, die Music Makers, hatte ich schon mit 15.“ Er bewarb sich an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar. Sein Vorsingen „berechtige zu gewissen Hoffnungen“, hieß es und so durfte er von 1972 an ein fünfjähriges Studium in der Fachrichtung Operngesang absolvieren. Danach wurde er für zwei Jahrzehnte festes Ensemblemitglied der Semperoper Dresden, wo er als Bass nationale wie internationale Erfolge verbuchen konnte. Zu seinen Paraderollen zählen Sir John Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“, der Sarastro in der „Zauberflöte“, der Milchmann Tevje in „Anatevka“, der Doolittle in „My fair Lady“, der Osmin in der „Entführung aus dem Serail“ oder der Oberst Ollendorf im „Bettelstudent“. Aktuell übernahm er bei den 66. Bad Hersfelder Fest spielen 2016 die Rolle des Oberst Pickering in „My fair Lady“.

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Abb.: Gunther Emmerlich mit Wolfgang Stumph in der „Showkolade“ und im März 2016 in Marzahn.
Fotos: Dittmann, Archiv

Emmerlich ist Botschafter der Carreras-Leukämie-Stiftung, zudem Ehrenbürger von Eisenberg, Weinbotschafter des Weinanbaugebietes Saale-Unstrut und seit 2013 Schirmherr der Sanierung der Stadtkirche Wittenberg für das große Jubiläum zum 500. Jahrestag der Reformation 2017. „Ich bin in einem Alter, wo man mir viele Schirmherrschaften anträgt“, bemerkt er scherzhaft. 71 ist er und zu seinem 70. kreierte er ein Bühnenprogramm unter dem Titel „Die Welt und ich“. Ganz schön anmaßend? Nein. „Ich komme aus einem Land der begrenzten Möglichkeiten und lebe nun in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, der gern lebt und nicht im Zorn zurückblickt.“ Nun ist der Unermüdliche auch noch unter die Buchautoren gegangen. 2007 erschien sein erstes Buch „Ich wollte mich mal ausreden lassen“, 2010 folgte „Zugabe“- Anekdoten, Ansichten und anderes. Ein drittes Buch erscheint noch in diesem Jahr. Auch ein Hörbuch gibt es: „Emmerlich & Fröhlich“ mit Erlebtem, Erdachtem und Erheiterndem“. Dazu kommen mehr als ein Dutzend Tonträger.

Gunther Emmerlich hat drei Kinder und sieben Enkel zwischen 3 und 24, seit 1979 ist er mit Anne Kathrein verheiratet, von der er seit einiger Zeit getrennt lebt. „Wir haben eine Auszeit genommen nach all den Jahren.“ Die nutzt er auch, um sich mit seiner Wandergruppe „Bündnis 98 – die Blauen“ fit zu halten. Wo er die Zeit dazu hernimmt, das bleibt wohl sein Geheimnis – bei 160 Veranstaltungen im Jahr, dem Bücherschreiben und all den Schirmherr-Verpflichtungen. In der Berliner Gegend ist er erst wieder am 12. Juni mit seinem Soloprogramm zu erleben – im Gerhard-Hauptmann-Museum Erkner. Und dann am 28. Oktober wieder im Freizeitforum Marzahn.

Ingeborg Dittmann