Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie, Teil 11

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren -Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit James W. Pulley fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

James W. Pulley

Der Amerikaner fand in Deutschland seine Liebe

1952 wurde er in Bayern stationiert. Seine Hoffnung auf Geborgenheit erfüllte sich nicht. Als die Gefahr bestand, in den Koreakrieg geschickt zu werden, flüchtete er 1955, mit 19 Jahren, in die DDR, Hier fand der Junge aus Philadelphia schnell Freunde, erhielt in Görlitz eine Ausbildung als Kesselschmied. Man wurde auf sein Gesangstalent aufmerksam.

"Als ich bei einer Veranstaltung im Publikum saß und den Takt mittrommelte, holte mich der Pianist spontan auf die Bühne. Ich wurde vom Fleck weg engagiert", erinnert sich James an dien Beginn seiner Sängerkarriere in Sachsen-Anhalt. Ohne Berufsausweis durfte er jedoch erst Mal nur als Backgroundsänger auftreten.

James W. Pulley am Beginn seiner Karriere 1956 ... ...und heute (2004) auf der Bühne in Berlin...
"Zuhaus, hör doch nur, wie herrlich das klingt" singt der kräftige, l,88 Meter große Sänger aus den USA in einem Lied, das ihm der unvergessene Amdt Bause einst schrieb. Für den Sänger mit der markanten schwarzen Stimme, der bei Pflegeeltern in Philadelphia aufwuchs, verbindet sich mit dem Wort "Zuhaus" Geborgenheit, Liebe, Freunde. All des fand er erst "jenseits des großen Teichs" - in der ehemaligen DDR. Hier begegnete er vor 46 Jahren auch seiner großen Liebe.  Am 12. November 1960 wurde in Zeitz Hochzeit gefeiert. "Seitdem waren wir keinen Tag getrennt", sagt Ehefrau und Managerin Uschi stolz. Selbst als James nach einer beidseitigen Hüftoperation zur Reha musste, blieb sie bei ihm. "Wir sind auch nach 45 l Jahren noch verliebtwie am ersten Tag." Der aufreibende Berufsalltag brachte es mit sich, dass das Paar kinderlos blieb.
Es war Anfang der 90er Jahre, als James bei einem Silvesterball in Mülheim an der Ruhr auftrat. Die Moderatorin kündigte den Sänger aus Ostberlin als "Kubaner" an. "Typisch Wessiland", schmunzelt James noch heute: "Ein Schwarzer, der in der DDR lebte, musste einfach ein Kubaner sein." Welcher Amerikaner wäre schon freiwillig in den Osten gegangen "Das hatte viel mit meiner Kindheit zu tun", erklärt James. Seine leibliche Mutter gab ihn mit 4 Jahren weg, so wuchs er bei mehreren Pflegefamilien in Philadelphia auf. "Ich habe mich als Kind immer nach Nestwärme und Geborgenheit gesehnt", erklärt James seinen Entschluss, schon mit 16 der US-Army beizutreten. Es sollte "seine Familie" werden. ...sowie bei einem Auftritt mit Sängerin Dagmar Frederic  Doch die vielen Fotos im Haus der Pulleys in Berlin-Treptow künden von der Liebe zu Kindern. "Das sind die Kinder und Enkel meines Bruders, wir sind oft mit ihnen zusammen", erläutert Uschi. "Hier hab ich meine Freunde gefunden, hier bin ich keinen Tag mehr allein" und ,,Liebe zählt mehr als jeder Edelstein", singt James auf der Bühne. "Es ist das, was ich auch privat empfinde", sagt James."Ich bin da angekommen, wovon ich als kleiner Junge immer träumte." Ingeborg Dittmann
Obwohl ihm ein Professor der Dresdner Musikhochschule seine stimmlichen Qualitäten bescheinigt hatte. "Na ja", meint James, "hab ich halt den Berufsausweis gemacht. Viermal bin ich durchgefallen (einmal zusammen mit Frank Schöbel), meist wegen Lappalien." Mit der "Pappe" in der Hand ging's dann schnell aufwärts. James tourte mit Dagmar Frederic, Peter Wieland, Günther Geißler, Hartmut Eichler, Eberhard Cohrs, Fred Frohberg und vielen anderen Schlagergrößen dieser Jahre durch die DDR und das gesamte sozialistische Ausland.
Sein Repertoire reichte von Gospel über Blues, Jazz bis zum Schlager. 1959 war ein besonderes Jahr für James. Er lernte seine Uschi bei einer "Armeemugge" in Halberstadt kennen. Uschi (68) erinnert sich: "Ich war dort Verkäuferin in einem Warenhaus, Wenn mich meine Kolleginnen nicht überredet hätten, mit zum Tanz zu gehen, hätte ich meinen James vielleicht nie kennengelernt. Er lud mich nach dem Auftritt zu einem Glas Wein ein. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sieben Tage drauf waren wir verlobt."
James W. Pulley als Familienmensch: Hochzeit mit Uschi am 12. November 1960 ... ...und heute mit seiner Frau in seiner Wohnung in Berlin-Treptow (re. unten). Neben beiden an der Wand hängen viele Fotos und Bilder, die sie von ihren Reisen mitgebracht haben.

Fotos/ Repro: Dittmann/Nachtmann

Er bleibt unvergessen

Sänger James W. Pulley starb im Mai

Ein guter Freund hat uns verlassen. Der Sänger James W. Pulley verstarb kurz nach seinem 72. Geburtstag am 13. Mai nach schwerer Krankheit. Wir haben James bei vielen Veranstaltungen, aber auch bei Treffen im Freundeskreis stets als bescheidenen und ungemein sympathischen Künstler und Menschen erlebt. Im Mai 2005 berichteten wir in unserer Reihe „Musiklegenden des Ostens“ über das Leben des Sängers. Er wird uns fehlen.

 I. Dittmann, Red.

Ein großer starker Mann, ein sympathischer Bühnenkollege und guter Freund, der sich nie in den Vordergrund drängte, hat uns am frühen Abend des 13. Mai für immer verlassen: James W, Pulley. Unvergessen bleibt mir unser letzter gemeinsamer Bühnenauftritt am 30. April in Berlin. Schon hier wirkte er für die Kollegen, die ihn kannten, etwas müde, abgeschlagen. Sein Publikum ließ der Mann, der so groß war wie sein gesangliches Volumen und so stark wie seine Lieder, das nicht spüren. Der einzige farbige Sänger der DDR trat aber dennoch voller Power auf und begeisterte sein Publikum. Rund fünfzig Jahre brachte er mit seiner „Mathilda“ oder seiner Darbietung des „Banana Boat Song“, aber auch mit Gospels und Spirituals, Swingund Schlager-Melodien und mit speziell für ihn geschriebenen Songs wie „Wo meine Wiege stand“ (Bause/Bauer) „Farbe“ in jeder meiner Shows. Ich schätzte an James seine Ehrlichkeit und Bescheidenheit, sein Bestreben nach Harmonie, seine Natürlichkeit und seine künstlerische Professionalität. Einzigartig war seine Liebe und Verbundenheit zu seiner Ehefrau Uschi, mit der er das Leben seit seinen ersten Bühnenauftritten in der DDR teilte.

Der am 21. April 1936 in Pennsylvania geborene Sänger sagte auf seiner Geburtstagsfeier zu seinem 72.Geburtstag: „Zu Haus, das ist da, wo die Freunde sind und ich freue mich, dass Ihr als meine Freunde heute hier seid.“ James W. Pulley hatte in der DDR unzählige Freunde, ich durfte dazu gehören. Danke, lieber James.

Siegfried Trzoß