Allah ist jung oder „Auf Wiedersehen“

Kabarettistin Dagmar Gelbke erlebte freundliche Türken und die Servicewüste Deutschland

Ich fühl mich wie der Frühling, weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht damit, dass ich gerade meine Fahrerlaubnis für vier Wochen abgeben musste, weil ich vor Glück über den geglückten Umbau meines Suzuki- Kleinwagens zum Flüssiggas-Auto selbiges wie eine Frühlingsrakete benutzt habe. Nun steht das Wundergefährt, mit dem ich künftig 50 Prozent der Benzinkosten einspare, brav im Schuppen und ich fahre öffentlich.

Das ist eine harte Strafe, die der Polizeipräsident von Brandenburg da für mich erdacht hat. Vor allem, wenn man am Großflughafen Schönefeld wohnt. Vor drei Jahren, als ich noch mit einem wundervoll einsilbigen Hamburger Radioredakteur liiert war, konnte man von Schönefeld aus alle zwei Stunden in die Hansestadt reisen. Es gab eine Info-Theke, Anzeigetafeln, Fahr- und Platzkartenschalter – und einen Blumenladen. Nun wollte ich mich über die Airport- Express-Verbindungen informieren, die mich schneller als die nur im 30- Minuten-Takt verkehrende S-Bahn zum Ost-Bahnhof bringen sollen, wo ich die Regionalbahn nach Frankfurt/ Oder erreiche. Doch da gab es all diesen Service nicht mehr. Nicht einmal die Anzeigetafeln waren in Betrieb. Ich fühlte mich in Zeiten meiner Jugend und der Deutschen Reichsbahn zurück versetzt.

Bahn ist gestrichen

Der Airport-Express via Ostbahnhof wird mit dem Sommerfahrplan übrigens eingestellt. Ist ja nicht schlimm, meint die Deutsche Bahn AG, wenn dann etwa alle drei Minuten ein Fernzug vom/zum Hauptbahnhof fährt. Für West-Berlin ist das okay. Aber für den Osten? Dortige Ziele erreicht man von Schönefeld aus nur noch mit mehrfachem Umsteigen. Und die Fremdsprachenkenntnisse der Berliner Bus- und Bahnfahrer (um Fragen von Touristen beantworten zu können) sind eher zweifelhaft. Nicht mal standardisierte Ansagen in Englisch gibt es in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Hauptstadt. Anders als etwa in Leipzig oder (mittlerweile) in den ICE-Zügen der Bahn.

Mein liebenswerter Wessi Wolfgang, ein gemeinsamer Freund von Helga Hahnemann, Martin Buchholz und mir, kann das bestätigen. Neulich hat er mich nach Frankfurt ins neue „Oderhahn“-Programm begleitet, und da er ein Leben lang öffentlich um die ganze Welt gereist ist, bestand er darauf, den Rückweg ab Schönefeld per S-Bahn zu absolvieren. Das geschah kurz vor Mitternacht. Zwei Uhr 15 war er dann glücklich am Wittenbergplatz. Nur ein nächtliches Abenteuer in der Weltstadt Berlin ist ihm von dem eigentlich flotten Theaterabend in Erinnerung geblieben. Und spanische Touristen, die wohl noch heute hilflos am Treptower Park stünden, hätte Wolfgang sich nicht seiner Spanischvokabeln erinnert.

Wie soll das nur zur Fußball-Weltmeisterschaft werden? Die günstigen Billigflieger mit den Fans landen allesamt nicht in Tegel, sondern in Schönefeld. Da stehen dann alle auf einem schönen Feld.

Auch kein Bus mehr

Als ich neulich, aus Izmir kommend, dort um 22.30 Uhr landete, vermied ich es, einen Taxifahrer mit meinem Kurzstreckenwunsch zu belästigen. Ich eilte siegessicher die mondän überdachte Promenade Flughafen- Fernbahnhof entlang zu den erst vor wenigen Jahren neu gebauten Bushaltestellen, von wo aus ich glaubte, mit dem 160er Bus wie früher schnell und bequem mein Zuhause zu erreichen. Pustekuchen. „Diese Haltestelle wird aus technischen Gründen nicht mehr angefahren“ erklärte mir ein verspraytes Hinweisschild. Hatte man die Haltestelle etwa vorausschauend ans Flughafengebäude verlegt? Natürlich nicht. Der einzige Bus Richtung City fährt zum Hermannplatz, Berlin-West. Ich bin dann die drei Kilometer gelaufen, habe dabei meinen Koffertrolli ruiniert und meine Zieh-Schulter.

Service gibt’s anderwo

Aber der Urlaub war schön! Ja, war er wirklich. Ruhiges 4-Sterne-Hotel direkt am Strand von Kusadasi, preiswerte Busverbindungen, perfekter Leihwagenservice, höfliche Taxifahrer, die uns sogar Stühle und Tee brachten, als wir – mitten in den Pampas bei Ephesus – auf den Dolmus-Bus warteten. Bis Troja haben wir es nicht geschafft, aber immerhin bis Pergamon und Aphrodisias. Wir sind getrampt und haben uns geschämt, kein Wort Türkisch zu sprechen. Immerhin habe ich mir Auf Wiedersehen (allaha ismarladik) mit der Eselsbrücke „Allah is mladik“ (Allah ist jung) eingepaukt.

Wir hatten eine hochgebildete, kettenrauchende Reiseleiterin für den Ausflug nach Pammukale, die den Türkei-Neulingen in der Gruppe geduldig das einheitliche Bildungssystem, die einheitliche Schulkleidung und das Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen erklärte. Auf die Frage „Und warum fordern die Türken in Deutschland Kopftücher für Lehrerinnen?“ antwortete sie genervt: „Das müssen Sie Ihre Regierung fragen, nicht mich!“

Die türkische Kultur besteht nicht nur aus antiken Ruinen, sondern auch aus der Jahrtausende alten Teppichknüpfkunst. Diese wäre wohl bei einem EU-Beitritt zum Tode verurteilt. Aber inzwischen nutzen die pfiffigen türkischen Teppichknüpferinnen ihre Erfahrungen bei der Seidengewinnung zur Herstellung von schusssicheren Westen für die NATO. Die sind leichter und billiger als die herkömmlichen, die ca. 9000 Euro kosten. Für die Seidenwesten zahlt die Bundeswehr 1300 Euro. Ist es nicht schaurig, wie Kulturen zugrunde gerichtet werden? Bis zum nächsten Mal.

Eure Daggie Gelbke