Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 23

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe mit der Sängerin Sonja Schmidt fort.

Sonja Schmidt

 Im himmelblauen Trabant über Land

„Das ist schon komisch, dass die Rennpappe von einst heute fast Kultstatus hat“, meint die Sängerin und Parodistin Sonja Schmidt aus Chemnitz und gesteht: „Als mir 1971 der Titel angeboten wurde, fand ich das gar nicht so toll, ausgerechnet für einen Trabi indirekt Werbung zu machen. Schließlich hätten damals viele DDR-Bürger gern ein ‚richtiges’ Auto gehabt.“ Dass der Titel eine Art Markenzeichen für die Sängerin werden würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. „Während andere Ostschlager vor allem nach der Wende aus dem Gedächtnis des Schlagerpublikums verschwanden, erinnert sich fast jeder noch an den von Sonja mit Temperament gesungenen „Himmelblauen Trabant“-Song.

Dabei hat die Sängerin, die schon mit 10 Jahren in ihrer sächsischen Heimat einen Wettbewerb für junge Talente gewann (mutig interpretierte sie den Valende-Song „Ich weiß, was dir fehlt“), mehr als 60 Titel im Rundfunk produziert und einige davon auch auf Platte verewigt. Darunter Schlager wie „Warum muss die Liebe vorbei geh’n“, „Nein, nein, nein, es lohnt sich nicht“ oder „Herz ist Trumpf“. Der Ralf-Petersen-Titel „Junge Herzen träumen“ war 1965 ihre erste Rundfunkproduktion. Da war die gelernte Verkäuferin gerade erst 19 und stand seit zwei Jahren als Refrainsängerin von Tanzkapellen auf der Bühne. Dort, bei einem Laientanzorchester-Wettbewerb, wurde Sonja von Klaus Hugo entdeckt. Der lud sie zum Vorsingen in den Rundfunk an der Berliner Nalepastraße ein. Danach ging’s, wie man so schön sagt, Schlag auf Schlag. Eberhard Cohrs nahm sie mit auf Tournee und von 1977 bis 82 gehörte Sonja zur Benny-Baré-Show.

Hätten Sie es erkannt? Zwei Mal Sonja Schmidt – als sie selbst und als Nana-Mouskuri-Parodie.

Fotos: Dittmann, Archiv

„Doch zuvor musste ich noch mal auf die Schulbank im Studio für Unterhaltungskunst“, erzählt Sonja. „Ohne Berufsausweis ging nämlich nichts in der DDR, obwohl ich als junges Mädchen schon am Zwickauer Konservatorium studierte und auch privat Gesangsunterricht nahm, zum Beispiel bei der Mutter von Frank Schöbel in Leipzig.“

Dass sie die „Pappe“ nicht gleich bekam, lag wohl daran, dass Sonja zur Prüfung Westtitel vorsang und sich im goldenen Brokatkleid präsentierte. Ein Jahr darauf bestand sie mit Bravour.

Dennoch legte sie knapp 20 Jahre danach noch einmal einen „Berufsausweis“ ab – als Gesangsparodistin. „Bei Benny Baré hatte ich mit den Parodien angefangen und in meiner eigenen Show Sonjas Musike, mit der ich bis 1986 unterwegs war, fortgeführt“, erklärt sie. Selbst in einem Musical stand die gebürtige Crimmitschauererin schon auf der Bühne – „Servus Peter“ von Gerd Natschinski. Auf der lernte die zierliche 52-Kilo-Frau übrigens auch 1977 ihren heutigen Mann, den Artisten Landfried Hilscher, kennen. „Wir standen gemeinsam auf der Bühne des Steintor-Varieté in Halle. Auf dem Heimweg, ich fuhr wegen meiner kleinen Tochter nachts noch zurück, streikte mein Trabi kurz hinter Halle. Also per Anhalter zurück zum Steintor-Varieté. Dort fragte ich die Kollegen, die noch in lustiger Runde saßen, ob mir einer helfen könne. Landfried kam mit. 15 Jahre darauf haben wir geheiratet.“

Sonja und ihr Mann Landfried.

Auch nach der Wende blieb Sonja der Bühne treu. „Ich mag ohnehin mehr den kleinen Rahmen, keine großen Säle“, meint sie. Und da gibt es immer wieder mal Gelegenheiten für Auftritte. Ob als Vicky Leandros, Monika Herz, Nicki, Zarah Leander, Marika Rökk oder eben als Sonja Schmidt macht die Sängerin, die im März 60 wurde, eine gute Figur.

Apropos Figur: Wie schafft sie es bloß, so schlank und rank zu bleiben? „Ohne Diät“, lacht Sonja. „Allerdings halte ich mich beim Essen zurück. Zum Frühstück Haferflocken und Obst und Abendbrot immer vor 18 Uhr.“ Und dann sind ja noch die Rock’n’Roll-Parodien auf der Bühne. Das ist nicht nur Show, denn Sonja und ihr Mann sind auch privat „die größten Rock `n’ Roll-Fans aller Zeiten“.

Ingeborg Dittmann

Sonja am Beginn ihrer Karriere.


In dieser Serie er erschienen bisher:

Julia Axen, Dieter Dornig, Hartmut Eichler, Ingo Graf, Mary Halfkath, Barbara Kellerbauer, Britt Kersten, Jürgen Kerth, Gerti Möller, Thomas Natschinski, Omega, Jenny Petra, James W. Pulley, Brigitte Rabald-Koll, Gaby Rückert, Vera Schneidenbach, Sonja Siewert/Herbert Klein, Reiner Süß, Tina, Bärbel Wachholz, Jürgen Walter, Peter Wieland