Hotel Mama hat auch was für sich 

Bei Kabarettistin Dagmar Gelbke stellt sich Zuzug im Hause ein

Im Hause Gelbke sind nun wieder die drei K‘s vereint: Kabarettistin, Kind und Kater. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig zum vierten K führen; K wie Katastrophen. Sofern das „Kind“ auch mal zum Staubsauger greift und der Kater Daggies Rollenbücher nicht zerfetzt. Wir können da aus Erfahrung sprechen: Unser schwarzer Redaktionskater Charly wird  nächtens zuweilen klammheimlich zum Papiertiger. So musste ein sorgsam gehefteter jot w.d.-Jahrgang nach eingehender Begutachtung seinerseits bereits dran glauben, während eine große Berliner Tageszeitung keinerlei Interesse weckte. Was immerhin auf einen gewissen Gebrauchswert unseres Blattes schließen lässt... 

Und wieder zieht der Mai ins Land. Zum ersten Mal ohne unsere Oma. Aber mit Paula. Das Kind ist also wieder bei mir eingezogen. Mit 28 (!) samt Kater Toni zurück ins Hotel Mama. Mir bleibt auch nichts erspart. 

Vielleicht sollte ich die Situation aber erst einmal erläutern. Als Paula vor ein paar Jahren in ihren Kiez im Friedrichshain zog, war sie Feuer und Flamme. All die coolen Typen und die vielen coolen Kneipen. Damals war sie nämlich noch im sozialen Jahr, auch so ein cooler Typ also, der mit Kindergeld und anderer Stütze in DM-Währung ganz gut durchs Leben kam. Danach kriegte sie eine Festanstellung und stieg aus ihrem Studentenjob heraus auf zur Chefsekretärin eines jungen, ebenso aufstrebenden Anwalts mit gut zahlenden Klienten aus der deutschlandweit bekannten Fernsehlandschaft. 

Alles hätte so schön sein können, aber dann zogen saufende, sich ewig streitende Vandalen in die Wohnung unter ihr und machten mit deutscher Schlagermusik die Nacht zum Tage. Die Nacht, die Paula zum Schlafen brauchte, um am Tag im Job ihre Frau zu stehen. Und die steht sie, worauf sie und ich wirklich stolz sind. Paula rief jede zweite Nacht die Polizei, um den ruhestörenden Lärm abzustellen, und als sie schon verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Wohnung war, zogen die Randalierer aus, und eine freundliche, stille Chinesin zog ein. 

Aufatmen. Aber nur für kurze Zeit. Zwei junge Typen bekamen die Parterre-Wohnung in Paulas Hinterhof zugewiesen. Etwa in Paulas Alter. Aber mit Rasta-Lokken und Fans anderer Musik als Paula sie hört. Solche Fans, die Tag und Nacht kiffend die Bässe durchs Haus dröhnen lassen. 

Paula rief wieder jede zweite Nacht die Polizei und kam sich wie eine Spießerin vor. Im Januar hat die Wohnungsverwaltung den beiden Jungs fristlos gekündigt. Jetzt haben wir Mai und die Bässe dröhnen immer noch durchs Haus. Und Paula, die über 5 Jahre pedantischpünktlich ihre Miete gezahlt hatte, muss nun aus nicht nach vollziehbaren Gründen per Anwalt um die Rückzahlung ihrer Kaution kämpfen, die ihre Oma damals für sie eingezahlt hatte. Verstehe einer die deutsche Gerechtigkeit. 

Nun ist Paula wieder zu Hause. Es ist eine Übergangslösung, darauf bestehe ich, weil es noch viel zu früh ist, als dass sich wiederholt, wie ich mit meiner Mutter gelebt habe. Aber eigentlich ist es richtig schön, dass mein Kind bei mir ist. Zwar könnte ich mich tagtäglich über die ganz andere Lebenseinstellung mit ihr streiten, vor allem, was die häusliche Ordnung angeht und ihre Überschätzung meiner finanziellen Situation. Aber was ist das schon gegen den Satz „Mammi, ich hab Dich so lieb, ich wüsste gar nicht, was ich machen sollte, wenn Dir plötzlich was passiert...“ 

Und: Seit sie da ist, ist es noch nicht einmal vorgekommen, dass ich vor Langeweile auf der Couch saß und wie eine Hundertjährige vor mich hingestarrt habe. Alles ist für etwas gut im Leben. Oma hatte recht. 

Herzlichst, Eure Daggie