Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 46 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger Gerd Christian  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Gerd Christian

 

Seit 35 Jahren auf der Bühne

 

„Zähl nicht nur die Jahre“ – so heißt die aktuelle Scheibe des 1950 in Greifswald geborenen Sängers Gerd-Christian Biege. Dennoch sind 35 Bühnenjahre (sein Bühnendebüt gab der Einmeterneunzig- Mann 1973) ein Anlass, zurück, aber auch nach vorn zu schauen. „Zähl nicht nur die Jahre/die das Leben schreibt/Zähl die schönen Stunden/ und das, was davon bleibt“, heißt es im Text des Schlagers. Und „schöne Stunden“, die ewig in Erinnerung bleiben, gab es viele im Leben von Gerd Christian. Bestimmt zählen dazu auch jene in grauer Vorzeit, als Gerd mit seinem Bruder Holger montags abends heimlich Heinz Quermanns Schlagerrevue im Radio hörte, wenn die Eltern außer Haus waren.

27 Jahre liegen zwischen beiden Aufnahmen. Gerd im Freizeitforum Marzahn und im Jahr 1980, als er den nl-Interpretenpreis bekam.

Gerd mit Autorin Inge Dittmann.

Vielleicht war das der Beginn seiner Liebe zur Popmusik, die den gelernten Zimmermann fortan sein Leben lang begleiten sollte. Alles fing damit an, als er 1973 als Solist mit „Fritzens Dampferband“ durch die Lande zog und Stimmungstitel wie „Klar, Klara, klar“ sang. Eine Ausbildung im Studio für Unterhaltungskunst in Berlin folgte. Der große Durchbruch gelang dem damals 29-Jährigen mit Songs, die ihm sein Bruder Holger schrieb, neben „Küss mich und lieb mich“ und „Sie lag im Schlauchboot“ vor allem sein großer Hit „Sag ihr auch“ (Biege/ Gertz). Der wurde nicht nur 1979 „Hit des Jahres“ im Schlagerstudio des DDR-TV und verkaufte sich mehr als eine Millionen Mal, sondern landete kürzlich bei einer Umfrage nach den beliebtesten Osthits auf Platz drei. Es ist zudem einer der meist gecoverten DDR-Schlager (gesungen u. a. von Bernhard Brink, Leonard, den Kastelruther Spatzen oder dem Montanara Chor).

Gerd Christian ist häufig auf den Bühnen seines Heimatbezirkes zu sehen – wie hier im Januar 2008 in der „Candela Lounge“ oder im Freizeitforum Marzahn.

Fotos: Dittmann, Teßmann, Archiv

 Danach folgten Songs wie „Mädchen“, oder „Das eigene Gesicht“. Seine erste eigene LP wurde 1981 bei Amiga veröffentlicht. In dieser Zeit wählten ihn Hunderttausende Leser des Jugendmagazins „neues leben“ zum beliebtesten Schlagersänger des Jahres. Von 1982 an tourte der Künstler mit seiner eigenen Show „Zu Gast bei Gerd Christian“ durchs Land, gewann 1988 sogar den Publikumspreis beim „Festival des plattdeutschen Liedes“ (1997 erschien übrigens eine CD mit ausschließlich auf plattdeutsch gesungenen Liedern). Dabei hatte er gerade mal die ersten zehn Jahre seines Lebens in MeckPomm verbracht, lebt seit 1960 in Berlin.

Ende der 90er fand der Künstler ein (ostdeutsches) Autoren- und Produzententeam, das ihm bis heute viele neue Hits schrieb – die Texterin Heike Fransecky und den Komponisten und Musiker Andreas Goldmann. Einer der ersten neuen Songs („Ich träum von Dir“) im Jahr 2000 lief so erfolgreich, dass Gerd Christian nun auch wieder öfter in den Medien zu hören und zu sehen war (Lustige Musikanten“, „Musik für Sie“, „Musikantenscheune“, „Hitsommernacht“) und ist.

 In den vergangenen acht Jahren produzierte er neben zahlreichen Single- Auskopplungen vier Alben „Ich werde da sein“ (2003), „Sind die Lichter angezündet“ (2004), „Tanz mit mir“ (2007) und „Zähl nicht nur die Jahre“ (2008). Ende 2007 zählte Gerd Christian laut Branchenmagazin „Hitservice“ zu den zehn erfolgreichsten Schlagersängern im Rundfunk deutschlandweit. Und das grenzt fast an ein Wunder, werden doch die meisten Sänger und Bands aus der ehemaligen DDR von den Sendern (v.a. denen in den alten Bundesländern) ignoriert.

Der Medienpräsenz ist sicherlich auch die Tatsache zu verdanken, dass Christian (übrigens als einziger Sänger aus dem Osten) in diesem Jahr bei der „Schlagerstar- Parade“-Tour dabei ist (27.4. Berlin-Velodrom, 18.5. Leipzig- Arena, 12.10. Messehalle Erfurt). Zwei der (vorerst) letzten „Ohrwürmer“ des 57-Jährigen heißen: „Zusammen sind wir stark genug“ und „Du machst dieses Leben schöner“. Ob er damit seine Ehefrau Rosi meint, soll sein Geheimnis bleiben. Die beiden leben nun schon seit vielen Jahren in Hellersdorf, genau an der grünen Grenze zu Brandenburg. Als guter Geist kümmert sich Rosi um all das, was in diesem harten Geschäft nun mal dazugehört.

Ingeborg Dittmann