Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 57 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger und Musiker Thomas Putensen fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Thomas "Pute" Putensen

 

Die vorpommersche Urgewalt

 

„Tragende Rollen“ spielte der 1959 in Rostock geborene und in Greifswald aufgewachsene Sänger, Komponist und Pianist schon mehrere in seinem Leben. Und eine ist das wörtlich zu nehmen. Denn der „wilde Pianist“, der neuerdings wieder mehr die leisen Töne anschlägt, ist ohne sein Instrument nicht denkbar. Und so schleppt er zu jedem seiner Auftritte landauf landab sein Klavier mit. Der 1.90 Meter Mann, der mit seiner kräftigen Statur, dem meist zerzausten Haar und seiner Vorliebe für karierte Hemden eher dem Bild eines kanadischen Holzfällers, denn eines Entertainers gleicht, wurde kurz nach der Wende damit sogar zu einer „gesamtdeutschen Berühmtheit“. Durfte er doch in der TV-Sendung „Wetten dass...“ zeigen, wie er sein Klavier schultert, um danach ohne k.o.-Erscheinungen frisch, fröhlich und voller Temperament in die Tasten desselben zu hauen. Wenn es sich so ergibt (wegen der Stimmung und der Zurufe aus dem Publikum) auch mal non stopp über Stunden. Vielleicht verhalf ihm ja einst seine Tischlerlehre auf der Bodden-Insel Riems zu diesen Bärenkräften.
  Die fielen anno 1984 wohl auch dem DEFA-Regisseur Peter Kahane auf, der den Mecklenburger vom Fleck weg für eine tragende Rolle in seinem Fernfahrerfilm „Ete und Ali“ (an der Seite von Jörg Schüttauf) engagierte. Nicht ganz unwesentlich dabei war wohl auch das schauspielerische Talent des Musikers. Schließlich war er nach Singeklub und Malzirkel (an der POS) sowie seiner Tischlerlehre am Theater Greifswald gelandet, komponierte für Bühne und Film und brachte es bis zum Pianisten an der Staatlichen Ballettschule Berlin. 

„Mein Lehrmeister auf der Insel hatte mich eines Tages gefragt, ob ich nicht bei der Berlininitiative der FDJ in der Hauptstadt mitmachen wollte. So kam ich nach Berlin und blieb dort zehn wilde Jahre lang hängen.“ Obwohl es mit der Karriere dort wohl schneller vorwärts gegangen wäre, zog es den bekennenden „Fischkopp“ (viele seiner Songs beziehen sich auf seine nördliche Heimat) wieder nach Hause. Nun lebt er schon fast 20 Jahre mit seinem Sohn Johann (1989) auf einem Bauernhof in dem kleinen Ort Wendorf bei Greifswald. Doch nicht nur in MeckPomm hat Putensen einen Kultstatus erreicht, der ihm stets volle Konzertsäle oder Lagerfeuerrunden beschert. Wenn der Hüne mit dem Klavier und seiner Band (in zeitlicher Folge: Soireé-Session Band, Panzerkreuzer-Putensen- Band, Putensen Beat Ensemble) auftaucht, füllen sich auch die Säle südlich der „Demarkationslinie“. Und wenn er seine Platten aufnimmt („Der Brief“, „Trink doch mal Kakaomilch“, „Nordwind“, Schwanensee Rockballett“, „Wilde Etüden – Zarte Gesänge“, „Brief 2“ und, gerade erschienen, „Broken Heart auf Kaffeefahrt“) hat er stets hervorragende Studiomusiker und Chorsänger um sich geschart. In seiner aktuellen Band „Putensen Beat Ensemble“ sind u.a. Anett Kölpin, Angelika Weiz, Günter Fischer und Tochter Laura Fischer, Georgi Gogow von City und Wolfgang „Zicke“ Schneider (in wechselnder Besetzung) dabei. Mit ihr hat er ein Programm mit frühen Krug-FischerSongs erarbeitet. „Das sind tolle Songs, die heutzutage kaum noch gespielt werden“, erläutert Pute seine Idee. Und es funktioniert wunderbar, die Leute toben regelrecht (wie wir selbst im vorletzten Sommer auf der Biesdorfer Parkbühne erleben konnten). „Der klingt ja wirklich wie der junge Manne Krug“, kommentierte denn auch anerkennend Rockradio-Moderator Peter Thinius, als seine Kollegen einen frühen Krug-Song, interpretiert von Thomas Putensen anno 2007, einspielten. Das Internetradio, das jeden Dienstag live aus „Speiches Blueskneipe“ an der Raumerstraße sendet, hatte am 28. April Putensen-Texter Ed Stuhler (siehe nebenstehender Beitrag) zu Gast. Klar, dass an diesem Tag auch etliche Titel von Pute über den Äther gingen. 

Legendär sind nicht nur seine unbändige Spielfreude am Klavier, sein unerschöpfliches Notenreservoir von Bach über Beethoven bis Günter Fischer und natürlich Putensen (auf Zuruf gerne auch mal Rammstein), sondern auch seine Pionier- und Komsomol-Lieder- Interpretationen. Doch neuerdings bevorzugt der Sänger wieder mehr die leiseren, nachdenklicheren Töne, zu hören auf seinem aktuellen Album „Broken heart“. Nicht ganz unschuldig daran ist die enge Zusammenarbeit mit Ed, der fast alle Texte („Mr. Radio“, „Navigator“ „Broken heart“, „Müll“...) auf dieser Scheibe beisteuerte. 

Ingeborg Dittmann

Thomas Putensen war schon häufig Gast in jot w.d.: 2007 mit seinem Krug-Programm auf der Parkbühne Biesdorf (o.), beim „Politischen Aschermittwoch 2005 (re. o.) oder als Partner bei der „Historisch-politischen Straßenbahnfahrt von Marzahn nach Mitte.

 Fotos: Nachtmann