Vulkane und Vulkanos

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke auf den (göttlichen) Spuren des Ascheregens

Loki, der nordische Gott des Feuers, der seit Jahrhunderten angekettet in einer Höhle unter der Erde Islands schmachtet, u.a. wegen Beleidigung der Götter (Prometheus lässt grüßen), fühlt wohl seine Zeit kommen. Die Zeit, in der auch die Götter sterben werden: Ragnaroek – die polytheistische Apokalypse.

Ragnaroek wird sich folgendermaßen zutragen: Zu Beginn werden Zeichen das Ende voraussagen, sagen wir mal solche wie die Erdbeben von Tahiti, Chile, Mexiko, China oder das Bohrinselunglück im Golf von Mexiko. Dann wird Loki freikommen und die Armee der Finsternis anführen. Seine Bosheit wird auf die Menschen abfärben und ganz Midgard versinkt in Blut und Asche.

Dass Loki im Kampf gegen den guten Heimdall, der die Regenbogenbrücke nach Asgard bewacht, ebenfalls umkommen wird, wissen nur wir, die wir die „Edda“ gelesen haben – in Auszügen, bei Wikipedia. Jedenfalls hat Loki schon mal kurz, aber kraftstrotzend, mit den Ketten gerasselt und – ganz ein echter Ase – Asche aufs Haupt der Menschheit gestreut. Das war doch eine ziemlich gruselige Situation, oder?

Trösten wir uns, dass es bei Ragnaroek, anders als bei der Apokalypse, einen Neuanfang geben wird. Auch, wenn es schon jetzt ganz schön lange gedauert hat, bis die Flugzeuge wieder wie Phönixe aus der Asche zum Himmel steigen konnten.

Nun wird der geneigte Leser aufgrund obiger Deutungen unschwer ahnen können, dass ich wieder mit dem Studium der Kulturwissenschaften befasst bin. Ich könnte jetzt auch noch Lokis Verwandtschaft mit dem ägyptischen Gott Asch herleiten, und il professore Wolfgang, mein intellektueller Mentor, gleich noch die zum indischen AGNI dazudozieren. Denn ich habe – endlich an der Viadrina - eine Vorlesung in Textanalyse belegen können, als Zweithörer, was bedeutet, dass mir die Punkte, die ich dort mit einer Klausur erreichen kann, fürs Studium an der Fernuni Hagen angerechnet werden. Nun sitze ich zwischen klugen jungen Leuten (99 Prozent Mädchen) und diskutiere zwei Stunden lang darüber, ob der Fluch der 13. Fee in Dornröschen nun ein zukunftsgewisser oder ein zukunftsungewisser war. Und da lauern dann Heinrich Heines „kleine Schlangen“ in mir und fragen: „Bitte, wer braucht so was?“ Ich bräuchte viel mehr eine Möglichkeit, Punkte abzubauen, und zwar viele, in Flensburg.

Aber nein, da fällt mir aus aktuellem Anlass noch der alte Grieche Hephaistos ein, bei den Römern dann Vulcanos genannt. Der wurde – allerdings nicht wegen Beleidigung, sondern wegen seines Klumpfußes – von seiner Mutter, der ollen Hera, ebenfalls in eine Höhle verbannt, die er zur göttlichen Schmiede umbaute. Mit einem seiner Gaunertricks, die alle Feuerteufel, äh Götter, Universum weit beherrschen, kam er frei und hat dann im Olymp neben goldenen Thronen und Netzen goldene Dienstmägde geschmiedet. Aber immerhin hat er Aphrodite geheiratet und Eros gezeugt und hatte, obwohl sie fremdging, mindestens eine Ewigkeit lang ein schönes Leben. Derlei Sagen müssen bei den Erben von Alexis Sorbas Spuren hinterlassen haben. Denn obwohl staatsbankrott, leben die Griechen wie die Götter auf dem Olymp. Unverheiratete Töchter von Polizisten erben dort die Beamtenrente ihrer Väter und können sofort in Ruhestand gehen. Allgemeines Renteneintrittsalter ist 61, Staatsdiener (das sind 25 Prozent der Griechen) schon mit 50. In Worten: Fünfzig! Die durchschnittliche Rentenhöhe beträgt 97,7 Prozent des letzten Bruttogehaltes. Eingezahlt in die Kassen werden gerade mal 6,7 Prozent vom Brutto. Staatsdiener bekommen 14, Abgeordnete sogar 16 Monatsgehälter. Das griechische Parlament zählt 300 Abgeordnete und 50 000 Dienstwagen. Kosten dafür: 350 Millionen Euro pro Jahr. Da kann man nur noch Goethe zitieren: „Denn die Götter lehren uns, ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.“

Und das alles will die EU nun subventionieren!? Das verstehe, wer will, ich nicht. Aber ich glaube, der Frühling verwirrt schon nicht mehr meine Gefühle, sondern nur noch meine Gedanken. Ich hoffe, bis zur nächsten Kolumne gibt sich das wieder!

Eure Daggie