Der Lurexanzug von Tante Dorle

Ingo Graf und Eva Kyselka bei „3 nach drei“

Hellersdorf – Jene Musik, die ihn begeisterte, nämlich Swing, Jazz und Chansons, waren zu der Zeit, als Ingo Graf auf der Bühne stand, in der DDR weniger gefragt. Es waren die 60-er und 70-er Jahre und es ging eher darum, musikalischen Massengeschmack zu bedienen (wie heute übrigens auch). Das Bedürfnis „unserer Werktätigen“ nach Unterhaltung und Entspannung wurde in den Medien und auf Tausenden Bühnen zwischen Rostock und Suhl vor allem mit Tanzmusik und Schlagern befriedigt.

Also wurde der singende Mathe- und Physiklehrer aus Erfurt, nachdem er von Heinz Quermann „entdeckt“ worden war, von der staatlichen Plattenfirma AMIGA in eine Art Rex-Gildo- Form „gegossen“ und hatte Schlager zu singen. Der erste auf Platte stammte sogar vom Klassenfeind und hieß „Bravo Bambina“. Man schrieb das Jahr 1964 und der geborene Mecklenburger hieß eigentlich Hartwig Runge.

Kann man mit diesem stinknormalen Namen ein Star werden und die DDR international vertreten? Nein, entschieden die Entscheider an höchster kulturpolitischer Stelle. Nun war „Rex Gildo“ schon vergeben (siehe Bravo Bambina), also blätterte ein findiger Kopf im Telefonbuch und kam auf Ingo Graf. Davon erfuhr der gut aussehende junge Sänger, als er eines Tages einen Brief mit der Anschrift „Ingo Graf alias Hartwig Runge“ erhielt. Den Genossen in der Bezirksleitung gefiel das gar nicht und noch weniger, dass der junge Sänger im Friedrichstadtpalast zu Berlin, Hauptstadt der DDR, im weinroten Lurexanzug aus dem Westpaket von Tante Dorle auftreten wollte. Er tat’s dennoch, und es ist nicht bekannt, dass anschließend die Jugend der DDR in glitzernden Lurexanzügen rumlief. Hemd und Haltung sind halt doch zwei unterschiedliche Schuhe.

 

Ingo Graf wurde mit Schlagern bekannt, obwohl seine musikalische Vorliebe dem Swing und dem Jazz gilt. Eva Kyselka begeisterte das Publikum mit ihrer nuancenreichen Stimme.

Fotos: Dittmann

 Bei „3 nach drei“, der Talkrunde mit Siggi Trzoß am 20. April anno 2011 im Kulturforum, begab sich der inzwischen 72-jährige Leipziger erst einmal ans 1965 „Allein wirst du dein Glück nicht finden“. Der Wiedererkennungseffekt mit dem Schlager von damals hielt sich bei dieser jazzigen Interpretation in Grenzen, dem Publikum hats gefallen. Auf Anhieb wieder erkannt wurden „Es war mal ein Mädchen“ (aus dem Defa-Film „Heißer Sommer“) und „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“. Schmunzeln später dann bei seinem „Nachwendelied“ über den Leipziger Baulöwen und Betrüger Schneider und Grafs Angebot für eine neue deutsche Nationalhymne („Lied der deutschen Einheit“). Zweiter Talkgast war die in Mahlsdorf lebende Sängerin Eva Kyselka. Die Erfurterin studierte einst an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar und sang in verschiedenen Formationen und Bands, ehe sie solistisch hervortrat. Auch ihr wollte „Amiga“ in den 80-er Jahren aufgrund ihres Äußeren einen besonderen Stempel in Richtung Exotic aufsetzen. Einige Auftritte im Fernsehen (u.a. bei „bong“) künden davon. Eva: „Das gefiel mir nicht, ich wollte mich ausprobieren, mich nicht in eine Schublade stecken lassen.“

Nach der Wende suchte sie sich Musiker, die zu ihr passten (etwa von der Weimarer Gruppe Bayon), gestaltete mit ihnen verschiedene Songprogramme mit eigenen Liedern. Einige Kostproben davon bekam das Hellersdorfer Publikum auch an diesem Nachmittag, etwa den wunderbaren Song „Der Dinge Sinn“ oder „Schwerelos durch den Stadtverkehr“.

Im Gespräch mit dem Moderator stellten die beiden Talkgäste immer mal wieder Parallelen in ihren Lebensläufen fest. So lebten beide viele Jahre in Erfurt, studierten oder belegten Seminare an der Musikhochschule. Eva zu Ingo: „Schade, dass wir uns damals nicht begegnet sind.“ Das Bedauern ist ganz auf Ingos Seite. Hält er doch Eva Kyselka für eine großartige Sängerin, die mit ihrer Stimme so manchen von den Medien hochgejubelten „Star“ in die Tasche stecken kann.

 I. Dittmann