Gestutzte Oderhähne mit „ sexxy“ Trudchen und Irmchen

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke war mal wieder zwischen Fernstudium und Kabarett-Auftritten auf Reisen und macht sich Gedanken über das Danach

Der Mai ist gekommen, die englischen Königskinder sind endlich in den Flitterwochen, und ich möchte eigentlich die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wegen Steuerverschwendung verklagen. Warum bitte mussten beide Sender zeitgleich Korrespondenten abstellen, wo die Privaten diese langweilige Trauung doch „paparazzi-mäßig“ voll abgedeckt hatten? Und das in Zeiten von Fukushima. Wer eigentlich redet noch davon?

Ich gebe zu, ich habe mich davon noch nicht erholt. Wie auch, der Schock, die Hilflosigkeit, die Ignoranz der japanischen Regierung und der internationalen Atomkonzerne machen so hoffnungslos. Es ist wie eine unheilbare Krankheit, die schleichend über diesem Frühling liegt ...

Aber wenigstens in Frankfurt (Oder) geht es weiter. Die Proteste der Kabarettbesucher und Wolfgang Flieders flammende Reden vor dem Stadtparlament haben dieses überzeugt, und so wurden „nur“ 40 Prozent der Fördermittel gestrichen. Das bedeutet, bei den „Oderhähnen“ werden jährlich nur noch zwei Programme produziert, mit weniger Kollegen – Zweierprogramm statt Dreier- oder Viererensemble. Und die Eintrittspreise wurden auch erhöht. Ob wir bis zur Rente in vier Jahren durchhalten können, steht also trotzdem in den Sternen. Tja, nur noch vier Jahre – und dann nichts mehr tun? Meine Frühjahrsdepression malt mir dieses Horrorszenario gerade in schillerndsten Farben in die Seele. Aber noch ist es nicht soweit: Am 27. Mai übrigens trete ich mit Margit Meller im Tschechow-Theater an der Märkischen Allee auf: „Wir sind nicht alt! Aber sexxy!“ werden wir als die 75-jährigen, unverwüstlichen Rentnerinnen Trudchen und Irmchen trotzig verkünden.

Über Ostern habe ich mich mit meiner Tochter Paula auf Ibiza getroffen, auf dem Hinflug habe ich schnell noch Madrid besichtigt. Eine majestätische Stadt. Das Wetter war so, wie es zu dieser Zeit üblicherweise in Deutschland ist: Kalt und regnerisch. Trotzdem hatten wir tolle drei Tage mit gespenstischer Osterprozession auf der Burg von Ibiza, mit der Entdeckung von Formentera durch Paula, die – ganz gegen ihr scheues Temperament – einen knallroten Jeep mit defektem Tachometer über die Insel steuerte. An diesem Abend haben wir bei meiner Hippie-Freundin Marianne auf ihrer Finca Paella gegessen und Ostereier von glücklichen Hühnern bemalt. Und dabei festgestellt, dass es ohne Zivilisation nicht mehr wirklich geht. Strom nur abends zwei Stunden, Wasser zum Duschen nur kalt, für die Toilette nur bei großem Geschäft. Ansonsten bitte in den Garten pinkeln. Wir waren dann doch froh, wieder in unserer „Betonburg“ mit fließend heißem Wasser zu sein.

Paula wohnt übrigens jetzt in einer Jungs-WG in Valencia und will nicht wieder zurück nach Deutschland. Ich wusste es! Nun schiebt sie es auf die vom Vater ererbten bulgarischen Gene, dass es ihr im Süden besser gefällt als hier, zu Hause. Und ich kann das mit den Genen nicht mehr hören, jetzt, wo dieser Sarrazin sich erfolgreich vor seiner Partei gerechtfertigt hat. Und ich auch noch wegen einer neuen Hausarbeit, die sich mit Kolonialismus und Südafrika beschäftigen wird, erschütternde Literatur zu dem unter schwarzem Rassismus gegen die Weißen in Korruption und Lethargie versinkenden ANC, der einstigen südafrikanischen Befreiungsbewegung, lesen muss. Irgendwie spricht im Moment alles gegen meinen unerschütterlichen Optimismus.

Apropos Optimismus – ich habe im März tatsächlich meine erste Hausarbeit (Kabarett als Medium) an der FernUni Hagen pünktlich abgegeben. Mal sehen, wie das Werk begutachtet wird. Ich habe sechs Wochen lang fast täglich achtzehn Stunden gebrütet und gelesen, wahrscheinlich am Thema vorbei geschrieben und viel zu viel Ehrgeiz an den Tag gelegt, um den Urschleim ans Licht zu holen. Aber ich bin irgendwie nicht dümmer geworden. Mitte April habe ich dann auch in Hagen Kommilitonen kennengelernt, mit denen ich im September auf Studienseminar nach London fahren werde. Ich dachte immer, ich sei die älteste Studentin der Republik, aber ach i wo! Eine ehemalige Lehrerin, die mitfährt, ist gerade dabei, mit 76 ihre Bachelor-Arbeit zu schreiben. Ja, und jetzt muss ich für diese Londonreise einen Vortrag vorbereiten. Thema: Marx und die englische Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Auch wenn mir davor graut, die alten DDR-Schulbücher aus den immer noch nicht sortierten Bücherkisten im Keller hervor zu graben – irgendwie war ich mir das als einziger „Ossi“ im Seminar schuldig. Und dabei hatte ich im Abitur nur eine Drei in M-L! Ja, die Vergangenheit holt einen immer wieder ein!

In diesem Sinne brüder- und schwesterliche Kampfesgrüße in den Mai

Eure Daggie