Gut und böse, wahr und falsch

Alles war irgendwann mal so schön einfach. Für die meisten Kinder läuft das Leben wie ein Märchen ab: Die Guten ringen letzten Endes die Bösen nieder, und man kann sich ob dieser Gewissheit abends wohlig in sein Kissen kuscheln, zumal es für alle Fälle die Mama gibt und der Teddy in Griffweite als Beschützer gegen alles Unerwünschte das Gefühl der Geborgenheit verstärkt.

Diesen wundervollen Zustand möchten wir uns alle gern lebenslang erhalten, allein die raue Alltagserfahrung bringt uns früher oder, im Glücksfalle, später dazu, an der Happyend-Garantie der Märchen zu zweifeln. Die Sehnsucht nach klaren Siegen des Guten über das Böse, oder wenigstens von klaren Umrissen des Wahren oder Falschen, um es unterscheidbar zu machen, all das begleitet uns doch wohl ein Leben lang. Es sei denn, wir erkennen messerscharf, dass all die Märchen weitab der diesseitigen Welt spielen. Dann hilft nur ein dickes Fell der Ignoranz oder wir bringen hinreichend Sarkasmus auf…

Außerdem: Was ist schon eindeutig richtig oder falsch? Gut oder böse? Belämmert oder klug? Ich kann für meinen Teil ganz gut damit leben, in den meisten Fällen auf eine klare Zuordnung zu verzichten. So steht auf meinem Barometer „Schön“ für Sonnenschein und „Schlecht“ für Regen, viele Stadtradiomoderatoren tönen ähnlich. Welch hirnrissiger Unsinn angesichts von Waldbränden in heimischen Kiefernforsten, und welch tiefe Wahrheit angesichts der absaufenden Oderbruch-Dörfer! Ist der jüngste Skandal um den Linken- Stadtrat Lüdtke schlicht und einfach nur Beweis für seine geistige Umnachtung in jenem Momente? Es gibt nicht nur eine, sondern mehrere Wahrheiten zu einer Frage, sagte der inzwischen allseits geschmähte Gorbatschow. Womit nicht nur die geheiligte Allwissenheit der Partei als führender Kraft in Frage gestellt wurde, sondern das ganze damit verbundene System des Denkens und Handelns. Die Prawda, übersetzt „Wahrheit“, war ab diesem Moment bereits mit ihrem Titel- Anspruch überfordert. Im besten Falle konnte seither die Suche nach Wahrheiten mit Zustimmung rechnen. Ein zu hoher Anspruch? Wer damit überfordert ist, wechselt vielleicht aus der Gefolgschaft unfehlbarer Staatenlenker zu unanfechtbaren religiösen Dogmen.

Die anderen, zu denen ich mich zähle, leben mit der ewigen Ungewissheit, alle letzten und endgültigen Deutungen und Urteile in Zweifel zu ziehen, ja ausgesprochen misstrauisch zu sein, wenn einer mit Nachdruck darauf beharrt, etwas sei richtig oder falsch und basta. Da kann ich auch gut damit umgehen, wenn „zu zögerlich“ oder „unentschlossen und zaudernd“ als Etikett aufgeklebt werden. Schließlich haben machthungrige Rechthaber in der langen Geschichte menschlicher Unkultur nie Skrupel gehabt, ihren Standpunkt anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Der Abstand zu dieser Spezies kann nie groß genug sein, meint

Euer Schwejk