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Es war eine schöne Zeit
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ist diesmal nicht auf Reisen und hat so Zeit,
das Buch ihres Kollegen und Freundes Bert Beel vorzustellen.

Es gibt ihn wirklich noch – den Gentleman-Entertainer, der charmant plaudernd, mit viel Humor und künstlerisch vielseitig seine Gäste unterhält, dabei uneitel sich selbst auf die Schippe nehmen kann, obwohl er im feinsten Zwirn wie aus dem Ei gepellt durchs Leben swingt. Ich spreche von meinem Lieblingsfreizeitpartner für Kino- und Theaterbesuche: dem Entertainer, Parodisten und nunmehr auch Buchautor Bert Beel. 

Beel, Jahrgang 1944, ist in West- Berlin aufgewachsen, hat eine Lehre als Dekorateur bei Wertheim absolviert – und von dort wohl sein Gespür für Qualitätstextilien und seinen Hang zum stilvollen Kitsch und zur altmodischen Etikette im Umgang mit anderen mitgenommen, als er 1973 über den ARD-Talentschuppen ins Schlagergeschäft einstieg. Zwar hatte er in den 39Jahren seiner Karriere nie – und da sind wir seelenverwandt – einen großen Hit, aber als wir zu Ostern (nicht an!), nach dem großartigen Konzert von Altmeister Peter Wieland im Stadttheater Köpenick in der Redgoldi-Schlagerbar in Schöneberg noch einen Absacker tranken, fanden wir immerhin sechs Single-Schallplatten von ihm auf der Angebotsliste dieses Etablissements, die wir dann natürlich mit großem Gaudy auch alle abspielen ließen.

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Nun hat Bert Beel ein Buch geschrieben, zu dem nicht nur Gaby Decker, sondern auch ich ihn immer wieder angestachelt habe. Ich hatte seine ersten Skizzen sogar an den Eulenspiegel-Verlag weitergeleitet, aber der hat sich nicht für die Geschichten eines West- Schlagersängers, „den keiner kennt“, interessiert. Inzwischen hat Bert Beel den Druck selbst bezahlt und präsentiert sein Werk, gespickt mit parodistisch-musikalischen Kabinettstücken passend zur gerade erzählten Geschichte als Unterhaltungsprogramm. Da lässt er den Kritiker-Papst Reich-Ranitzki das Buch zerreißen, lässt Johannes Heesters, Ilse Werner und Zarah Leander im Himmel grüßen oder Udo Lindenberg mal wieder nach Pankow reisen – und das alles live und ohne doppelten Boden. Diese musikalische Lesung ist ein Muss für alle, die ehrliche Unterhaltungskunst lieben – und vermissen in der lauten Welt der bunten Casting-Shows und Mega- Events.

Das Buch heißt „Es war eine schöne Zeit“ – wie der gleichnamige Schlager, den Bert Beel schon zu seinem 60. Geburtstag herausgebracht hat, und es reflektiert Beels Bühnenleben in West und Ost, denn er hatte auch in der DDR als bescheidener Künstler (auch was die Gage betraf) wunderbare Erfolge und Begegnungen mit Kollegen und Publikum, ob im Friedrichstadtpalast oder jwd. Was hat man deshalb über ihn gelästert! „Der Beel? Entweder ist er auf Kreuzfahrt oder im Osten!“ Er schreibt plaudernd über seine Begegnungen mit den Großen des Showgeschäfts (er kennt sie alle) und wird dabei nie tratschig oder sensationsheischend, eher beschädigt er durch seine dezente Ehrlichkeit das eigene Image als das der anderen, die ihm ganz bestimmt nicht immer nur gut taten. Aber: Wie’s drinnen aussieht, darüber schweigt ein Gentleman wie er taktvoll. Vielleicht bleibt dadurch manche Pointe offen und für Nicht-Eingeweihte schwer nachzuvollziehen, aber auf alle Fälle wird man neugierig und kann nachfragen.

So gibt es die Geschichte, als Bert für einen abgehauenen Ostkollegen Meißner Porzellan schmuggelte. Lustig bzw. typisch ist die Geschichte getreu dem Motto: Tu keinem was Gutes, wenn du nicht willst, dass dir Böses widerfährt. So muss der „Jungautor“ auch gerade feststellen, dass sich seit dem Erscheinen des Buches sein Freundeskreis ziemlich verkleinert hat: „Die, die erwähnt wurden, melden sich nicht mehr, die, die nicht erwähnt wurden, auch nicht – und die, die sich melden, meckern nur rum.“ Aber ich, als angehende Kulturwissenschaftlerin, sage, Bert Beels Buch ist nicht nur interessant für uns, die wir diese Glitzerwelt ähnlich erlebt haben oder noch erleben, sondern auch für die Nachwelt. Ein Hauch Zeitgeschichte aus dem Berlin des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, der verloren ginge im überquellenden Archiv der Promi-Gazetten und der aggressiven Zeugnisse der Subkultur-Manie unserer Zeit. Mit Leuten, die keine Helden waren, aber trotz Glitzerfummel Menschen wie du und ich oder Bert selbst. Er war mit Brigitte Mira teure Cartier-Uhren kaufen oder mit mir und dem Hut aus Philadelphia (s. Foto) Gast im neu eröffneten „Wintergarten“ – es sind Anekdoten, die wie Blütenblätter durch die Luft schweben, und man weiß nicht, soll man eins fangen, und wenn ja, welches? Am Ende betrachtet man lieber den weichen Blütenteppich, auf dem man sich ausstrecken möchte, um zu sagen: Es war eine schöne Zeit!

Das Buch ist zum Preis von 12,95 Euro zu haben, per Telefon 31 80 08 60 oder 68 05 82 58, Buchungen für Klubs oder andere Einrichtungen unter www.bertbeel.de.

Einen blütentraumreichen Mai wünscht von Herzen
Eure Daggie