Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 92

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der gerade viel zu früh verstorbenen Sängerin Anke Lautenbach fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Anke Lautenbach

 

Im Himmel fehlt heut ein Engel

 

Sie war in fast jedem musikalischen Genre zu Hause – von Schlager über Rock, Chanson, Operette und Musical bis zu Jazz, Swing und Klassik. Ein großes Temperament, eine optimistische Lebenshaltung und vor allem Leidenschaft zeichnete die 1960 in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) geborene Sängerin und Musikpädagogin Anke Lautenbach aus. Leidenschaft für ihren Beruf, ihre Familie, und die Art, wie sie junge Leute für die Musik begeisterte. „Anke ist nicht nur meine Ausbilderin, sondern wie eine Mutter zu mir. Sie versteht es, mich zu öffnen wie keine andere, durch sie habe ich mich selbst besser kennen gelernt.“ Das erzählte Remo Liebetrau, einer von Ankes Schülern, als er im September 2008 gemeinsam mit seiner Lehrerin Anke Lautenbach Gast einer Talkshow im Hellersdorfer Kulturforum war. Zu ihren Schülern baute sie eine fast familiäre Bindung auf. „Das Handwerk ist das eine, doch man muss das Innere eines Menschen ergründen, um all seine schlummernden Talente und Fähigkeiten zu erkennen“, war sie überzeugt. Am 24. April erlag die sympathische Sängerin einer schweren Krankheit, kurz nach ihrem 52. Geburtstag am 11. März, den sie noch voller Optimismus mit ihrer Familie und Freunden im Krankenhaus verbrachte. Bis zur letzten Stunde hatte sie, ihre Familie und ihre Kollegen, die für sie am 22. September vergangenen Jahres eine Benefiz-Gala in Berlin organisiert hatten, Hoffnung, die heimtückische Leukämie zu besiegen. Sieben Chemo- Therapien hatte Anke mit großem Überlebenswillen überstanden und endlich schien der geeignete Knochenmarkspender in England gefunden. Doch es war zu spät. lautenbach.jpg
2008 war Anke im Kulturforum Hellersdorf zu Gast.
Foto: Dittmann

Der Musik verschrieben hatte sich Anke Lautenbach schon von Kindheit an. Im Elternhaus wurde Hausmusik zelebriert. Mit zehn sang sie im Chor, lernte Klavierspielen, nahm privat Gesangsunterricht. Mit 13 hatte sie schon ihre erste Rolle in einem Musical und war dann Sängerin in Amateurbands („Funktaxi“). Trotzdem wollte sie eigentlich Ärztin werden. Doch da reichte der gute Abi- Durchschnitt von 1,4 nicht aus. Anke absolvierte dann zwischen 1979 und 84 ein Studium an der Leipziger Musikhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ im Fach Kultur- und Musikwissenschaft, 1988 folgte ein Studium für Gesang, das sie 1991 mit „Auszeichnung“ und dem Titel „Diplom- Gesangslehrerin“ abschloss. Inzwischen hatte sie ihre erste eigene Band gegründet – „Noble Noise“. Schon als Studentin hatte Anke die DDR bei großen internationalen Wettbewerben wie dem „Goldenen Orpheus“ in Bulgarien oder „Menschen und Meer“ (Nachwuchspreis für die beste Interpretation) vertreten. Erste Auftritte im DDR-Fernsehen und im Friedrichstadtpalast folgten, später u.a. beim „Classic Open Air“ auf dem Berliner Gendarmenmarkt. 1997 nahm sie mit „Zwischen Himmel und Erde“ am Grand Prix Vorausscheid teil, ging dann mit eigenen Soloprogrammen auf Tournee. Ihr breit gefächertes Repertoire von Broadway- Melodien, Gospels, Jazz, Chansons, Operette und Klassik- Adaptionen führte zu einer Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern wie Caterina Valente, Milva, René Kollo, Andrea Boccelli, Harald Juhnke, Johannes Heesters, Gunter Emmerlich und vielen anderen. International bekannt wurde Anke durch Auftritte u.a. in Italien, Frankreich, der Schweiz und den USA.

„Erfolg zu haben, war für mich nie Pflicht, sondern eher ein schönes Gefühl, das mit beflügelte“, sagte uns Anke in einem Gespräch. Damals hatte sie sich gerade einen großen Traum erfüllt. Nach zweijähriger Vorbereitung eröffnete sie ihre eigene Musikschule (Musikakademie Scala für Gesang, Schauspiel, Tanz, Moderation) mit Theatersaal (Salon-Theater SCALA) im Berliner Admiralspalast. Neben vielen ihrer Kollegen trat sie dort auch selbst auf, u.a. in einem Berlinprogramm mit Franziska Troegner. Bei ihren Konzert- und Kabarettprogrammen wurde sie häufig von Prof. Bernd Wefelmeyer am Piano begleitet.

Anke war Gastprofessorin an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg, war Schauspielerin an der Vorpommerschen Landesbühne Anklam (Vineta- Festspiele auf der Insel Usedom) und unterrichtete bis fast zuletzt an der Theaterakademie Vorpommern in Zinnowitz im Fach Liedinterpretation. Mit dem Filmorchester Babelsberg nahm sie mehrere Platten auf. 2004 erschien „Gefühle“, 2005 „Erzähl mir mehr von dir“, 2006 „Live im Yorkschlösschen“, dazu kommen diverse Singles wie „Zwischen Himmel und Erde“ (1997), „Es gibt immer einen Weg“ und „Ich hab keine Angst zu fliegen“ (2008). Den Titel „Ich bin immer für dich da“ widmete sie ihrer heute 21-jährigen Tochter Sophie. 2009 erschien ihr Song „Im Himmel fehlt heut ein Engel“. Wer im Internet die Reaktionen ihres Publikums darauf liest, erfährt, dass Anke mit diesem Song vielen Menschen, die nahe Angehörige verloren, Trost spenden konnte.

Ingeborg Dittmann