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Keine Zeit für Frühjahrsdepressionen
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke genießt zwischen Theaterproben und Studium viel Kultur und Natur


Eigentlich ist alles wie immer: Ich probe wieder fleißig fürs Sommertheater in Frankfurt/Oder, täglich 10 bis 14 und 18 bis 21 Uhr. Wir haben zwar erst den ersten Teil des Stücks als Textmaterial vorliegen, aber: Theater ist ein Wunder, das wird schon! Zwischendurch waren wir mit unserem Helga-Hahnemann- Programm in Löbau, Berlin- Bohnsdorf und auf der Carlsburg. Und mit Gert Kießling haben wir im Stadttheater Cöpenick ein ganz wunderbares Publikum beglückt. Obwohl viele vorbestellte Karten nicht abgeholt wurden und wir, wären nicht 20 meiner treuen, zahlenden Freunde gekommen, finanziell mies dagestanden hätten.

Ich war mit meinem Kind Sushi essen, habe die „Stachelschweine“ und Martin Buchholz in den „Wühlmäusen“ besucht und mit den Hobbits, also meinen Untermietern, Laub geharkt. Bloß keine Trauer aufkommen lassen. Von wegen Frühjahrsdepression ...

 

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Am ersten schönen Frühlingstag Mitte April war ich mit meiner Freundin Martina (die New Yorkerin, die aus Dresden kommt) zum ersten Mal im Britzer Garten. Da waren die Blätter noch nicht raus, aber man konnte förmlich spüren, wie sie alle an der Startrampe um erste Plätze trampelten. Nun sind die Rennen entschieden, und ich wage gar nicht, das leidige Thema „Frühjahrsdepression“ anzusprechen, wie ich es seit Jahren zelebriere. Immerhin glaube ich jetzt zu wissen, worin ihr Ursprung liegt: In der Kraft, die die Natur verströmt, gegen die wir Menschenkinder hilflos sind und der wir nichts hinzuzufügen haben. Sie braucht uns nicht, die Natur!

Man merkt, ich habe zu Ostern „Faust I und II“ in Schwedt erlebt. Uwe Heinrich, der die Titelrolle gab, kam mit Schnee in den Händen auf die Bühne und fragte ins Publikum: „Vom Eise befreit, hä?“ Aktuelle Dramatik, kann man da nur loben. Leider bin ich im 2. Teil dann doch ein paar Mal sanft entschlafen, die Kollegen mögen mir verzeihen. Dennoch konnte ich nach diesem Theater-Event mit Fachwissen glänzen auf meinem Studienseminar zum Thema „Metropolis“, dem umstrittenen Filmklassiker von Fritz Lang. Auch hier wird das Faust-Thema adaptiert: Beherrschung der Natur um jeden Preis. Schade, dass solche Diskussionsbeiträge nicht bewertet werden. Oder vielleicht gut so, denn unser Seminarprofessor war der, der mir für eine meiner Hausarbeiten wegen mangelhafter Zeichensetzung in den Fußnoten (sic!) nur die Note 2,7 gegeben hatte.

Aber: Ich musste mir dazu natürlich „Metropolis“ erst einmal antun. Und ich habe es nicht bereut. Großartiges Science-Fiction-Kino der 1920- er Jahre. Und selbst der als reaktionär und banal kritisierten Story kann ich visionäre Tendenzen abgewinnen. Lang hat in diesem Filmkunstwerk deutlich gezeigt, wohin es führt, wenn das revolutionäre Proletariat durch seine Vertreter dem Großkapital die versöhnende Hand reicht. Ich sage nur Sozialdemokratie, Hindenburg, Hitler ...

Gut, damit liege ich natürlich total quer zur Gelehrtenmeinung, denn die konzentriert sich auf die erotische Symbolik des Films, wenn zum Beispiel erschöpfte Männer trotzdem unermüdlich die Druckverhältnisse ihrer Maschinen regeln. So jedenfalls hat es der Professor erklärt, und wir Mädels konnten nur sagen: Oh Gott, Männerphantasien! Na ja, man sollte Nachsicht üben mit unserem Prof. Mamlock; es war Frühling in Berlin. Außerdem habe ich es geschafft, mir zweimal „Oblivion“ (Das Vergessen) mit Tom Cruise anzusehen (einmal mit meinem Kind und einmal mit Frau Puppendoktor Pille), obwohl ich den Kerl als Schauspieler ganz grässlich finde (von Scientology wollen wir gar nicht erst reden). Zweimal, weil ich dachte, die englische Originalversion nicht wirklich verstanden zu haben – aber ich hatte! Es geht um das Klonen von Menschen – im Prinzip die Fortsetzung der Faustund Metropolis-Sagas, nur, dass hier der Mensch von einer Art Maschine produziert wird, im Umkehrprinzip sozusagen.

Wen interessiert eigentlich, was ich hier schreibe über all diese Horrorversionen von der Selbstüberschätzung menschlichen Größenwahns? Jetzt, wo die Natur so bunt und optimistisch ihr Eigenleben feiert? In diesem Sinne: Gebt auf sie Acht, was ja nicht heißt, dass Ihr grundsätzlich überteuerte Bio-Produkte kaufen müsst. 

Eure Daggie