Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 102

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der legendären Gruppe Karat fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

KARAT

 

Über sieben Brücken zum Erfolg


38 Jahre sind ein halbes Menschenleben. So lange gibt es schon die Berliner Gruppe „Karat“ – eine „Musiklegende“, fürwahr. Noch bevor die damaligen Bandmitglieder Henning Protzmann, Herbert Dreilich, Ulrich „Ed“ Swillms, Ulrich Pexa, Konrad Burkert und Hans-Joachim „Neumi“ Neumann am 22. Februar 1975 ihr erstes Konzert in Pirna bei Dresden gaben, hatte der DDR-Rundfunk vier Songs der jungen Band produziert („Du und ich“, „Schwester“, „Leute, welch ein Tag“, „Ich lauf durch die Stadt“). Bis Ende des Jahres gab es bereits 13 Produktionen, die die Band schnell populär machten.
Die Meinungen der Hörer waren geteilt. Manche fanden die Kompositionen zu schlicht, kritisierten Monotonie und fehlende Dynamik. Die Fans der Gruppe „Panta Rhei“ (1991- 74), die noch heute als Legende der DDR-Rockmusikgeschichte gilt, waren andere Klänge der ehemaligen Panta-Rhei-Musiker Protzmann, Swillms und Dreilich gewöhnt. Und nun die Hinwendung zum Massengeschmack, mit Licht- und Programmkonzeption, Glitzerklamotten. „Wir wollten einfach ein größeres Publikum mit unserer Musik ansprechen, und so suchten wir einen Mittelweg zwischen Rock, Jazz und liedhaften Songs“, erklärte Herbert Dreilich damals.
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Nach drei Jahren hatte Karat sein eigenes Gesicht gefunden – und die passenden Musiker dazu. Zu Dreilich (Gesang), Swillms (Keyboard) und Protzmann (Bass) gesellten sich Bernd Römer (Gitarre) und Michael Schwandt (Schlagzeug), beide kamen von der Horst-Krüger-Band. Dreilich war nach dem Weggang von Neumi nun alleiniger Sänger und wurde mit seiner Stimme und seinem Charisma zum Markenzeichen von Karat. Zehn Jahre nach ihrer Gründung hatten sie mit ihren meist balladenhaften Songs (die Kompositionen stammten fast alle von Ed, die Texte von Norbert Kaiser, auch Herbert Dreilich, später auch von Kurt Demmler, Jens Gerlach, Burkhard Lasch) bereits fünf Langspielplatten bei Amiga eingespielt und Dutzende Singles.

Noch heute sind gerade die Lieder der ersten Jahre im Ohr – „Abendstimmung“ (76), „Und ich liebe dich“ (77), „König der Welt“, „Über sieben Brükken“ (78), „Albatros“ (79), „Schwanenkönig“, „Das Narrenschiff“ (80), „Der blaue Planet“ (81), „Jede Stunde“ (82), „Kalter Rauch“ (83).

Und wenn Claudius Dreilich, der nach dem Tod seines Vaters im Dezember 2004 dessen Stelle als Sänger von Karat einnahm, heute auf der Bühne „Mich zwingt keiner auf die Knie“ anstimmt, dann wissen die wenigsten, dass dieser Song bereits 30 Jahre alt ist! Komponiert von Ed und Herbert wurde er auf der LP von 1983 „Die sieben Wunder der Welt“ veröffentlicht. Ich werde nie jene Minuten vergessen, als Herbert, schon gezeichnet von seiner schweren Krankheit, diesen Song bei einem Konzert in der Wuhlheide zelebrierte. Dieses Erlebnis gehört zu den emotionalsten Momenten, die mich, die ich Karat von der ersten Stunde an als Journalistin begleitete, mit der Band verbinden.

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Abb.: Karat bei einer ihrer ersten Auftritte im DDR-Fernsehen (o.) und im Jahr 2011 als Hauptattraktion des Plattenfestes im Erholungspark.

Fotos: Archiv, Nachtmann

Heutzutage fällt auch jenen, die mit Karat ansonsten wenig anfangen können, sofort der Hit „Über sieben Brücken“ ein. Auch der stammt schon von 1978. Ich hörte ihn zum ersten Mal, nein, nicht auf der Bühne, sondern in einem Fernsehfilm von Helmut Richter aus Leipzig. Der Schriftsteller und Lyriker war Anfang der 70-er Jahre der Leiter meines „Zirkels schreibender Studenten“ an der Leipziger Uni. Keiner nahm das Lied damals als „Hit“ wahr. Auch nach seiner Veröffentlichung auf der zweiten Amiga-LP „Über sieben Brücken“ 1979 nicht. Erst als Peter Maffay den Titel in die (West)Medien brachte, wurde er auf einmal zum Kult. Was, der Song ist von Karat? Wer oder was ist Karat? Die Frage erledigte sich nach zwei „Goldenen Schallplatten“ in der BRD (83 und 84) und der „Goldenen Europa“ (86).

Insgesamt waren zehn Jahre nach Bandgründung schon drei Millionen Platten über die Ladentische gegangen. Gold- und Silbermedaillen bei Leistungsschauen der DDR-Unterhaltungskunst, der „Kunstpreis der FDJ“ (79) und der „Nationalpreis der DDR“ (84) zeigten, dass auch der Staat die Band gern als Aushängeschild nutzte. Dass Karat inzwischen aber auch eine riesige Fangemeinde hatte, belegt u.a. die Tatsache, dass die Band die „ungekrönten Könige“ des DDR-Rock, die Puhdys, 1979, 80, 82 und 83 beim „Interpretenpreis des Jugendmagazins neues leben“, einem reinen Publikumspreis, gleich vier Mal vom ersten Platz verdrängen konnte.

Die ersten Platten nach der Wende konnten nicht an die Erfolge der früheren Jahre anknüpfen. Auch ist mit dem Ausscheiden von Ed Swillms Ende der 80-er Jahre ein tiefes Loch entstanden, das schwer zu füllen war. Zum 25. Bandjubiläum im Jahr 2000 stand er erstmals wieder mit auf der Bühne in der Wuhlheide. Seit 2005 gehört er neben Claudius Dreilich, Bernd Römer, Christian Liebig, Michael Schwandt und Martin Bekker wieder fest zur Truppe. Zum 35. Geburtstag 2010 erschienen in einer umfangreichen CD-Box noch einmal alle Hits der Band unter dem Titel „Ich liebe jede Stunde“. Noch immer ist Karat bundesweit live auf der Bühne zu erleben. Im Mai u.a. in Rastatt, Rostock, auf Schloss Hundisburg, in Friesack oder Schwarzenberg. Bei den Deutsch-Russischen Festtagen spielen sie am 14. Juni, 21 Uhr, auf der Trabrennbahn Karlshorst. Und Ende September gehen die „Albatrosse“ auf Kreuzfahrt mit der MS Albatros.

Ingeborg Dittmann