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gelbke1.jpg Ihr fehlt das „Marktfrau-Gen“
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke geht zehn Kilo leichter in den Frühling und macht mit Tochter Paula Paris unsicher

Neulich habe ich mir neue Schuhe gekauft – weil ich ja mit meiner Tochter verreisen und nicht wie eine Oma beschuht durch Paris laufen wollte. Ort des Kaufs: Deichmann im Kaufpark Gosen. Da ist mir mal wieder die ostdeutsche Service-Wüste bewusst geworden: Dass ich mir die Schuhe in Selbstbedienung aus dem ziemlich hohen Regal zerren musste, okay, kann ich gerade noch akzeptieren. Obwohl – eine kleinere Person kommt da an manche Modelle gar nicht ran. Dass ich mich aber von der Verkäuferin (vielleicht sollte man eher Aufsichtsperson sagen?) anpflaumen lassen musste, die Kästen auch wieder zurückzustellen, das fand ich schon sehr frech. Ich hab natürlich nicht gehorcht. Aber ich glaube, ich werde mich, klein kariert wie ich manchmal bin, beim Firmenchef beschweren.

Anderes Thema: Weiß jemand, wie man Giersch vernichtet? Giersch ist ein gesundes Unkraut, das, einmal im Garten angekommen, genauso wie Essigbäume, nie mehr verschwindet. Nun könnte ich ja eine Gierschplantage anlegen und – so als Zubrot – das Heil- Unkraut auf dem Markt verkaufen. Aber zur Marktfrau fehlt mir irgendwie ein Gen, also bin ich mal keine Umweltfanatikerin und grabe um, tränke den Boden mit reinem Essig, lege eine dicke, dunkle Folie darüber und bedecke sie mit Rindenmulch. Ob da je wieder etwas wächst? Wahrscheinlich nicht, aber zur Strafe ist nun auch meine rechte Schulter von der ungewohnten Gartenarbeit blockiert. Ach, ihr Kleingärtner, wie schafft ihr das alles nur? Jetzt muss ich wahrscheinlich wieder ein Jahr lang Cortison einnehmen und werde aufgeschwemmt über die Kabarettbühne trampeln, kurz: Ein glücklicher Frühling sieht anders aus.

Dabei hatte ich mich „alkoholmäßig“ strikt an die Fastenzeit gehalten und auch zwei mal sieben Tage gefastet mit pürierter Gemüsebrühe, Obstsäften, Wasser und Tee plus jeweils drei Abbauund drei Aufbautagen. Und: Ich bin 10 kg (in Worten: zehn) leichter und passe wieder in die 42er Jeans! Der Blutdruck war während des Fastens wie der eines jungen Mädchens. Also, da ist schon was dran, wenn Ernährungsberater behaupten, alle Krankheit kommt vom falschen Essen.

Aber wenn’s doch so schmeckt – wie in Paris! Über Ostern war ich ja mit meinem Kind (und den neuen Schuhen) dort. Wir haben in einem kleinen Hotel am Fuße des Montmartre gewohnt, mitten im Kreuzberg der französischen Hauptstadt. Wir haben uns treiben lassen, sind viel mit der Metro gefahren und haben den Straßenmusikanten zugehört, die schon früh um 10 Uhr zustiegen – und wegen ihres Könnens nicht nervten! Wir sind ohne festgelegtes Touristenprogramm auf Entdeckungstour gegangen. Es war traumhaft schön, obwohl wir auf der Champs Elysée den sprichwörtlichen Pariser Schick vermisst haben (ich also die neuen Schuhe gar nicht gebraucht hätte)! Und vor allem haben wir getreu dem Spruch ‚Essen wie Gott in Frankreich’ die preiswerten Menüs in den gemütlichen – weil immer gut besuchten – kleinen Restaurants genossen: Schnecken, Steaks, die süßen Madeleines, alles, was das Herz begehrt. Nur einmal haben wir nicht aufgepasst und mussten für ein Glas Wein und drei Kugeln Eis 22 Euro bezahlen. Aber es war so ein romantischer Abend im Latino-Viertel an der Bastille, da verkraftet man den Nepp schon mal. Auch, weil die Franzosen, sprichst du nur drei Worte Französisch, hinreißend höflich und zuvorkommend sind.

Nun liegen Proben fürs Sommerprogramm bei den „Oderhähnen“ und im Fernstudium drei Hausarbeiten zu absurden Themen, die niemanden interessieren, vor mir: „Ritual und Literatur“ oder „Das Sakrale Opfer in der Literatur“. Hoffentlich kann ich alles noch in Frieden absolvieren. Das sieht gar nicht gut aus in der Ukraine. Ich glaube übrigens nicht, dass Putin an allem schuld ist, auch, wenn die innerukrainischen Probleme seinem Traum von der Eurasischen Union Vorschub leisten. Also, liebe Jotwedeler, genießen wir die hoffnungsvollen, weil friedlichen Frühlingstage hierzulande trotz alledem, keiner weiß, was morgen passiert.

Eure Daggie