gelbke1.jpg Abzocke allüberall
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke kämpft mit der Arbeitsagentur um ihre Rechte und geht erst mal ins Kloster

Der letzte Frühling vor dem Renteneintritt könnte so schön sein. Aber ich muss mich nun auch ernsthaft mit der Arbeitsagentur rumärgern. Da sitzt eine Kirsche, also eine Mitarbeiterin fast gleichen Namens, und weigert sich gottgleich in Ich-Form, mir zustehende Leistungen aus ALG I zu zahlen: „ICH beabsichtige, die Leistungsbewilligung nach § xy ... ganz aufzuheben.“ In den Jahren davor gab es nie Probleme. Frau Wichtig oder Mächtig nun muss ein Problem mit Künstlern haben, es gibt aber keine Chance, diese Frau persönlich zu sprechen. Man verspricht im Service-Center zwar, dass ich von ihr zurückgerufen werde, aber darauf warte ich nun schon vier Wochen. Einsprüche werden irgendwann in den nächsten sechs Monaten bearbeitet. Nun muss ich mit Hilfe von ver.di wahrscheinlich noch vor Gericht.

Aber vielleicht muss ich den Lesern, die vielleicht wie diese Agentin mit Decknamen „Kirsch“ meinen, wir Künstler seien Sozialschmarotzer, eine kurze Erklärung geben: Freischaffende Künstler können in eine freiwillige Arbeitslosenversicherung einzahlen. Das habe ich jahrelang getan. Nun habe ich noch fast 250 Tage Leistungsanspruch ALG I in Höhe eines Pauschalbetrages, der nach Bildungsgrad bemessen wird. Ich käme, wenn ich mich nicht für jede noch so kleine Mugge und sogar für unbezahlte Termine brav abmelden würde, auf etwa den Betrag, den ich später als Rente bekomme, die 150 Euro unter dem Schröderschen Mindestsatz liegen wird. Diese 250 Anspruchstage werde ich außerdem nicht nutzen, da ich ja vor Ablauf in Rente gehe.

In früheren Jahren hatte ich mit diesen An- und Abmeldungen nie Probleme, die abgemeldeten Tage wurden am Monatsende abgezogen. Die Arbeitslosigkeit war somit lediglich unterbrochen. Agentin Kirsche wird fleißig in all meinen Steuer- und Kontounterlagen geschnüffelt haben, da gibt es nämlich keinen Datenschutz, und behauptet nun, dass ich in der abgemeldeten Zeit (das ist manchmal ein Tag in der Woche, an dem ich 2 Stunden auf der Bühne stehe) mehr als 15 Stunden arbeite und deshalb nicht arbeitslos sei. Außerdem müsse ich mich nach Abmeldung jedes Mal wieder persönlich bei der Agentur anmelden – also alle Formulare ausfüllen, was ich versäumt hätte (ich habe es wie in den vergangenen Jahren schriftlich getan). Ich erinnere mich, dass die Bundesregierung irgendwann in ihrem Wahlprogramm mit Bürokratieabbau geworben hatte.

Aber gut, wir alle sind machtlos. Neulich habe ich ein Kreditkonto aufgelöst, aber die Restzahlung ist zweimal zurückgekommen, weil die Bank das Konto offensichtlich vorzeitig gelöscht hatte, ohne mich zu informieren. Trotzdem darf ich nun an eine Inkasso-Firma zahlen, die 50 Prozent aufschlägt, es ist unglaublich.

Neulich habe ich meine Schwester Hannelore anlässlich ihres 85. Geburtstages in Erfurt besucht und musste laut Routenberechnung meines Handys 4,5 Kilometer per Taxi zurücklegen. 24 Euro. Ich bin fast aus dem Auto gefallen. Schuld sei der Mindestlohn. Dazu kann man nun auch nichts mehr sagen. Derlei Ungerechtigkeiten wird wahrscheinlich jeder Leser immer wieder gegenüber stehen. So wird das Volk auf Trab gehalten und von wahren Problemen abgelenkt – zum Beispiel der geplanten Zwangsabgabe auf Sparguthaben, die es in Spanien und Australien schon gibt. Leider muss ich dann meinem Dolmetscher-Freund Uwe recht geben, der das ziemlich populistisch und Pegida-gefärbt formuliert: Die eigenen Leute werden abgezockt, damit die Flüchtlingsströme finanziert werden können. Oder wie Ritas Mann sagt: Nicht mal ein Dankeschön der Kanzlerin oder des Bundespräsidenten an die eigenen Bürger, die dieses Land durch ihre Arbeit und Steuern zu dem Aufschwung bringen, mit dem die Regierung weltweit renommiert. Ich sage nur: Leute, ich geh ins Kloster.

Demnächst erst einmal probeweise im Katielli-Theater in Datteln (2x2 Stunden Arbeit im Mai – das für Frau Kirsch von der Agentur, damit sie nicht so lange IM spielen muss!). Aber dann, mal gucken!

Kommt gut durch den Mai,

Eure Daggie
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