Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie, Teil 12

 In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit Thomas Natschinski, Komponisten-Sohn und Popmusiker, fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Thomas Natschinski

Von der "Mocca-Milch-Eisbar" zu "Täter-Opfer-Polizei"

Vater Gerd Natschinski ("Messeschlager Gisela ") gehört zu den Legenden der Unterhaltungsmusik der ehemaligen DDR, sein Sohn Thomas (57) zu den Pionieren der Beat- und Rockmusik Ostdeutschlands. 1964 gründete er gemeinsam mit Schulfreunden an einem Berliner Gymnasium " Team 4" - die erste deutschsprachige Beatband. Seit Anfang der 90er Jahre arbeitet er vor allem als Film- und Musicalkomponist. So schrieb er die Musik für Revuen (Citylights, Sterne, Traumvisionen), die im Berliner Friedrichstadtpalast für Furore sorgten.

Die besten Ideen kommen Thomas Natschinski am alten Bösendorf-Flügel unter dem Dach seines Hauses in Eichwalde

Angefangen hatte alles vor reichlich 40 Jahren. Die Begeisterung für die Beatles sorgte dafür, dass auch hierzulande Gitarrengruppen wie Pilze aus dem Boden schossen. Eine davon nannte sich "Team 4", später Thomas Natschinski & Band und noch später Brot & Salz. Seit Mitte der 70er trat Thomas auch als Solist in Erscheinung, vor allem aber als Komponist für Interpreten wie Veronika Fischer, Gaby Rüickert, Jürgen Walter, Kurt Nolze oder Barbara Thalheim. Anfang der 80er Jahre saß er bei Karat am Keyboard.

Sein Handwerk erlernte er einst an der Musikhochschule Hans Eisler (Komposition), Doch wer in einem so musikalischen Haushalt aufwächst, für den gehört Musik seit Kindheitstagen zum Alltag. Zählte Vater Gerd Natschinski doch zu den bekanntesten Komponisten der DDR.

Von ihm hat Thomas auch den alten Bösendorf-Flügel, der nun in seinem Studio unterm Dach seines Hauses in Eichwalde steht. Darauf liegen etliche Texte, viele von Gisela Steineckert. Sie sind für die neue CD von Jürgen Walter gedacht. Thomas, den eine langjährige Freundschaft und kollegiale Partnerschaft mit dem Sänger verbindet, soll die Kompositionen dazu schreiben. Gleich daneben liegt der letzte Text des Karat-Sängers Herbert Dreilich. "Manchmal denk ich" ist er überschrieben. Datiert vom 28. Juli 2004. "Viel Glück, H." steht handschriftlich darunter. Doch das Glück - das ist beiden Freunden abhanden gekommen. Im November 2004 starb der Karat-Sänger an Krebs. Und nur wenige Wochen zuvor erlag Thomas' Ehefrau einer langen Krankheit. Deshalb liegen einige der Texte noch heute unberührt auf dem Flügel. "Seit Marias Tod fehlt mir die Kraft, die Inspiration zum Komponieren", sagt der 57-Jährige, der schon mit 16 seine ersten Lieder schrieb.

Diese Langspielplatte war einst  heiß begehrt. Heute ist sie kaum  noch aufzutreiben. Deshalb hat Thomas die Songs der Scheibe unlängst für einen Fan aus Dresden auf CD gebrannt und diesem geschenkt. Thomas: "Als Dank kamen bald darauf zwei Dresdner Stollen bei mir an "

Das gute alte Stück von Vater Gerd Natschinski mutet in dem High-tech-Studio wie ein Relikt aus der Vergangenheit an. "Es hat schon viele Umzüge überlebt", sagt Thomas. Und dass er sich beim Komponieren lieber an den alten Flügel setze als an das moderne Keyboard im Studio. Hier entsteht die Musik für Spiel- oder Fernsehfilme, zum Beispiel für die Krimireihe "Täter, Opfer, Polizei" des RBB-Fernsehens, für das der Komponist seit vielen Jahren arbeitet. Pünktlich aller 14 Tage muss er liefern, egal, wie er sich fühlt. Die Disziplin dafür bringt er auf. Doch heute wieder solch ein wunderbares Lied wie "Berührung" zu schreiben, dafür ist sein Kopf noch nicht frei.

Dennoch steht in wenigen Tagen sogar eine Premiere an. Gemeinsam mit Vater Gerd Natschinski schrieb er die Musik für ein Musical nach dem erfolgreichen DEFA-Film "Heißer Sommer". Das Stück kommt im Juli diesen Jahres auf die Bühne des Volkstheaters Rostock.

 

Gemeinsam mit Freunden gründete Thomas Natschinski 1973 die Gruppe.. Brot & Salz ". Auf unserem Foto von 1975 v.l.n.r.: Detlef Haak, Peter Müller, Thomas Natschinski, Helmut Frommhold und Ingo Koster.

 Fotos: Dittmann

Doch auch die Freunde klopfen an; Ekki Göpelt, Gaby Rückert,  Jürgen Walter, Anke Lautenbach. Für ihre Songs können sie sich keinen besseren Komponisten als Thomas vorstellen, der für sie Lieder schrieb wie "Berührung", "Clown sein", "Mokka-Milch-Eisbar", "Zwischen Himmel und Erde". Dass er mit einigen der Kollegen Anfang des Jahres bei mehreren Konzerten wieder auf der Bühne stand, war für Thomas, der sich Monate lang zurückgezogen hatte, wie ein Schritt zurück ins Leben.

   I. Dittmann