Supernanny, Ballermann und durchgeknallte Politiker

Kabarettistin Dagmar Gelbke darf wieder mit dem Auto fahren und muss wichtige Briefe schreiben

Die Zeit, sie eilt im Sauseschritt (sagte sinngemäß der Kästner, Erich). Und ich, ich eile mit.. Nun liegen die vier Wochen Fahrerlaubnisentzug schon wieder hinter mir. Nicht nur, weil die Zeit so rennt, sondern auch, weil das Bahn-Fahren gar nicht so schlimm war, wie ich es in meiner vorigen Kolumne ausgemalt hatte. Die RE-Züge halten laut Sommerfahrplan auch weiterhin in Schönefeld und Ostbahnhof, was einmal mehr beweist, dass man nicht immer auf’s Meckervolk hören sollte.

Irgendwie fand ich es sogar angenehm, auf dem Weg zur Arbeit lesen zu können, den „Da Vinci- Code“ zum Beispiel, der als Buch viel besser ist als der Film. Es gab keine Verspätungen. Also, um es kurz zu machen, ich bin auch als Wieder-Auto-Fahrerin ein paar Mal noch Zug gefahren. Allerdings auch, weil es mit der Zeitkarte meiner Oderhahn-Kollegin Margit Meller kostenlos war. Und dass mir eines nachts auf dem S-Bahnhof Grünbergallee eine Bierflasche hinterher geworfen wurde (von ganz normal Betrunkenen, nicht von Jugendlichen in Springer-Stiefeln) – was ist das schon gegen das, was sonst noch passiert in Deutschland.

Ich denke dabei an die immer offener gezeigte allgemeine Gewaltbereitschaft – nicht nur die fremdenfeindliche. Ich meine auch die verbale oder die, die im Suff oder unter Drogen freigesetzt wird. Und ich stehe fassungslos vor den unsäglich labilen Gesetzen dieser Republik – siehe das Kompetenz- Hick-Hack im Falle des zusammen geschlagenen Deutsch-Äthiopiers in Potsdam oder die „netter Junge“-Debatte um den jugendlichen Messerstecher vom Hauptbahnhof.

Wie soll Zivilcourage zünden?

Und unsere wichtigen Politiker schreien nach Zivilcourage, gerade die. Wie soll Zivilcourage zünden, wenn beispielsweise – wie in Hellersdorf geschehen – der Wachschutz eines Sozialamtes gegen einen gewalttätigen „Kunden“ nicht vorgehen darf, ohne Gefahr zu laufen, selbst wegen Körperverletzung angeklagt zu werden? Ich bin ja für mehr Polizei auf unseren Strassen. Ich bin auch für Überwachung. Ich hab nichts zu verbergen, und überhaupt: Wo sind denn heute meine Daten noch geschützt? Ehrlich, ich kann mich nicht empören, wenn ein Geheimdienst das macht, wofür er bezahlt wird. Im selben Zusammenhang wird von der Elite dieses Landes ein Film hochgejubelt und mit Preisen behängt, der einen Stasimann als Gutmenschen zeigt. Leute wie Lothar Bisky aber kriegen von selbiger nicht mal einen Stellvertreterposten im Bundestag zugebilligt. Dafür tönt der penetrante Spiegel-Redakteur Matussek bei Beckmann: „Es muss mal Schluss sein!“ Und meint Deutschlands Nazi-Vergangenheit.

Deutschland ist ein Irrenhaus. Da wird diskutiert und diskutiert und selten ein kluger Gedanke festgehalten, geschweige denn, etwas unternommen. Wieso wusste ich, die Schlagersängerin, bei Verkündung der Hartz-Reformen sofort, was für ungeheure und nutzlose Kosten damit verbunden sein würden, und die Politiker, die es hätten wissen müssen, nicht? Ich hab noch bis 1. August eine Ich-AG, ich weiß, worüber ich rede.

Arbeitslose haben Schwarzen Peter

Nun wird wieder alles anders – und was bleibt? Den Arbeitslosen der Schwarze Peter und der Vorwurf des Sozialbetrugs. Bei Frau Christiansen, der Supernanny für durchgeknallte Politiker, äußerte neulich der Gewerkschaftsmann Klaus Wiesehügel (Oder war‘s die schöne Lucy von der WASG?): Jeder, dem es gelinge, per Steuererklärung so wenig Steuern wie möglich an den Staat zu zahlen, sei ein cleveres Kerlchen. Einer, der die Hartz-Regelungen bestmöglich ausschöpft, gilt hingegen als Verbrecher.

Apropos, ich muss jetzt eilen und wichtige Briefe schreiben. Ja, in Deutschland werden viele wichtige Briefe geschrieben. Neulich bekam ich einen per Einschreiben - von meinem Polizeipräsidenten, in dem er mir mitteilt, dass ich gegen die StVO verstoßen hätte. Ich musste viel Strafgeld bezahlen, habe Punkte in Flensburg kassiert und für vier Wochen die „Fleppen“ abgegeben, habe also hart gebüßt. Und nun darf ich dafür, dass man mir obiges Schreiben zugestellt hat, noch mal 25 Euro zahlen.

Auch mein Finanzamt hat angefragt, wie ich „beabsichtige, mit meiner Ich-AG in Zukunft keine Verluste mehr zu erwirtschaften“. Punkt. Was will mir nun dieses Schreiben sagen? Dass man mir eine verschleppte Insolvenz unterstellt? Und ich deshalb bald ins Gefängnis komme? Eigentlich wundert es mich, dass dem Brief keine Zahlungsaufforderung für die Schreibgebühren beigelegt war. Aber das kann ja noch kommen... Bis zum nächsten Mal Eure Daggie Gelbke

PS: Ach ja, die WM hätte ich fast vergessen. Es wird schon gut gehen. Mehr habe ich zum Thema Fußball nicht zu sagen. Bei den „Oderhähnen“ in Frankfurt/Oder gibt es pünktlich zur Eröffnung der Weltmeisterschaft das neue Sommerprogramm „Bodo Ballermann – das Wunder von Perm“, in dem es aber weniger um Fußball als um Erinnerungen an die Drushba-Trasse geht. Das spielen wir bis 23. Juli. Termine unter www.dagmar-gelbke.de