Für gute Musik nicht gut genug

Kabarettistin Dagmar Gelbke von „Tagträumen“ niedergeschmettert

Hatten wir eigentlich schon über den Europäischen Liederwettbewerb gesprochen, den ehemaligen Grand Prix Eurovision de la Chanson mit dem „bisschen Frieden“ von 1982?

Nein? Also, der hat in Helsinki stattgefunden, irgendwann im Mai, und er hatte was von der Abschlussgala der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr. Wer es noch nicht weiß, Deutschland ist in Helsinki gaaaaanz weit hinten gelandet. Wir wussten alle, dass es so kommen würde, aber auf uns hört ja keiner. Dieser Roger Cicero singt prima, wie viele junge Männer, die eigentlich mit Pop, Rock, Hip Hop und was es da alles gibt nichts zu tun haben wollen, weil sie meinen, für Höheres berufen zu sein. Und dabei haben sie dann Frank Sinatra vor Augen oder in den Ohren. Tja.

Ciceros Lied hat nur eine Textzeile, die man sich merken könnte: „Frau’n regiern die Welt“. Aber wer spricht in Europa schon deutsch, ansonsten labert der Text anbiedernd dahin, jedenfalls empfand ich es so. Nicht eine musikalische Phrase ist bei mir hängen geblieben – da war „das bisschen Frieden“ schon eher ein internationaler Hit.- Okay, den serbischen Siegertitel könnte ich inhaltlich oder musikalisch auch nicht wiedergeben, auf jeden Fall war er komponiert als Hymne. Dabei soll es wohl um lesbische Liebe gegangen sein…

Um das Thema zu beenden – unserem Botschafter beim Song Contest fehlte einfach diese gewisse Ausstrahlung, die neben einer netten Stimme und einem Feeling für Swingmusik eben dazu gehört. Aber selbst, wenn er es hätte, das gewisse Etwas, das Lied war einfach langweilig.

Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach Tokyo Hotel zum Grand Prix schickte. Man mag ihre Musik mögen oder nicht, eins steht fest: Alle weiblichen Teenies im vereinten Europa würden punkten – wenn sie nicht vorher in Ohnmacht fallen.

Übrigens ist meine Tochter kein Tokyo Fan, aber Jazz, den mag sie – ja, ist halt auch zu Höherem berufen, das Kind – und deshalb habe ich ihr zum Geburtstag eine Karte für das Konzert „Happy Birthday“ in der Berliner Philharmonie geschenkt. Uschi Brüning, Ernst Ludwig- Petrowsky, Manfred Krug und ein junger Sänger vom Schlage Roger Cicero waren die Protagonisten vor dem Berlin Jazz Orchestra unter Leitung von Jiggs Whigham. Wow, das war ein Event!

Uschi Brüning ist in diesem Jahr 60 geworden, und dabei schöner und musikantischer denn je. Souverän sang sie im fast ausverkauften Kammersaal vor einem begeisterten Publikum klassischen Cool Jazz und gab mit atemberaubender Stimmtechnik humorvolle Kostproben ihres Free-Jazz-Repertoires. Sie schien in absoluter Harmonie mit diesem Traumklangkörper aus 17 Musikern zu schweben.

Einer der Höhepunkte dieses Abends war aber das Saxophon- Solo „Tagträume“ ihres Ehemanns Ernst-Ludwig Petrowsky, das er geschrieben hatte, bevor Uschi vor über dreißig Jahren in sein Leben kam. Er sagte, er hätte es damals komponiert in dem Wissen, dass die Frau noch kommen würde, der es gewidmet war.

Ich kann hier nur versuchen, zu diesem selten erlebten Kunstgenuss, den Petrowsky da seiner Uschi, den Musikern, dem Publikum und sich bescherte, sehr persönliches Empfinden zu formulieren, denn ob der Reife und Intensität seines Vortrags fehlen mir die richtigen Worte der Beschreibung.

Ich wusste plötzlich, warum ich in meinem beruflichen Leben irgendwann einen Schlusspunkt unter die Musik gesetzt habe: Wirklich gute Musik – wie seine - geht mir so sehr an die Seele, dass sie mich irgendwann umgebracht hätte. Ich war einfach nicht gut genug.

Vermisst habe ich Uschis ersten großen Hit, mit dem sie in den frühen 70er Jahren als DDR-Vertreterin alle „Song Contests“ des sozialistischen Lagers bereist hatte: „Dein Name“. Ich glaube, das treue Publikum hat darauf gewartet.

Am Schluss ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl. Ich bin am 24. Juni in der Galerie M an der Marzahner Promenade zu erleben. Die Vernissage, zu der ich mit meiner Kollegin Margit Meller von den „Oderhähnen“ meinen Senf zugeben werde, beschäftigt sich mit dem spannenden Thema, was Männer so brauchen, um glücklich zu sein. In diesem Sinne bis zum nächsten Mal!

Eure Daggie