Gedankenfluss

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ist hautnah dran am Oderhochwasser und beginnt aus gegebenem Anlass über ihr Leben nachzudenken

Frankfurt/Oder ist bekanntlich eine Stadt an einem großen Fluss, die logischerweise eine schöne Uferpromenade hat. Den Radfahreren sei Dank, ist diese als Teil des Europäischen Fahrradweges ausgebaut worden, denn sonst wäre sie der einsamste Ort, den man sich in der sowieso sich entvölkernden ehemaligen Bezirkshauptstadt der DDR vorstellen kann. Kaum ein Café oder Restaurant am Wegesrand, die wenigen, die ums Überleben kämpfen, sind mangels romantischer Spaziergänger oft schon ab acht Uhr abends geschlossen. Wenn wir „Oderhähne“ in den Endproben eines neuen Kabarett-Stückes stecken wie zur Zeit, wohne ich dort in der Schauspieler-WG. Und dann gruseln meine Kollegin Margit Meller und ich uns schrecklich, sobald wir nach den Proben oder Vorstellungen die einsame Promenade entlang gehen müssen. Vor kurzem haben wir ein paar polnische „Freunde“ beim Klauen der Regenrohre des KIeistmuseums überrascht, aber das haben wir erst hinterher aus der Presse erfahren. Wir hatten vor allem Angst, unsere Handtaschen loszuwerden, ohne auf Hilfe von irgendwelchen Passanten rechnen zu können.

Zur Zeit aber lebt Frankfurt/Oder auf. Die Konditoreien im Stadtzentrum und die wenigen Restaurationen an der Promenade sind überlastet. Heute bekam man kaum noch ein Stück Kuchen zum Kaffee, denn: Die Flut kommt, heißt der Zauberspruch, der Spaziergänger und sogar Touristen anlockt! Viel zu selten tritt der Fluss über die Ufer! 1785, 1947, 1981/82, 1997.

Und jede Katastrophe kurbelt doch die Wirtschaft an, wenn ich unseren Bundespräsidenten richtig verstanden habe. Ich konnte ihn nie leiden, aber jetzt wird er mir sympathisch, als Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds hat er offenbar auch Karl Marx studiert und verstanden.

Ich schreibe dies alles am Tag, da der Hochwasserhöchststand von 1997 noch um 70 cm unterschritten wird. Schon das ist ein gespenstischer Anblick, wie still dieser Fluss dahinfließt, sehr still. Jetzt, im Vollmond, wie ein silberner Teppich, der sich vorgenommen hat, bald schon das ganze Land zu bedecken. Aber so schlimm wird es schon nicht kommen. Die Armada der Fernsehsender hat sich vor unserem Haus platziert, Matthias Platzeck ist auch da, und der hatte ja schon das 97-er Hochwasser voll im Griff. Schade, dass die Wahlen gerade vorbei sind! Nein, alles wird gut!

Ist dieser Satz eigentlich typisch für den Deutschen an sich, oder für die Menschheit überhaupt? Ich habe neulich eine Fernsehreportage über das Kabarett der 20-er Jahre gesehen und, obwohl ich alles, was dort über die Zeitgeschichte gesagt wurde, irgendwann schon gehört hatte, war es wie die Ausrede unserer Mütter und Väter: „Davon habe ich nichts gewusst!“ Die Weltwirtschaftskrise hatte sich lange angekündigt, aber man lebte weiter, als wäre man nicht betroffen. Wie wir, die wir Katastrophentourismus betreiben und uns über Nichtigkeiten wie den Rücktritt Roland Kochs aufregen. Bitte, war dieser Mann wichtig für einen von uns hier? Für die Strichliste abgeschossener Gegenspieler von Frau Merkel vielleicht, aber ansonsten?

Ich werde im Juli 60. Ich glaube, ich muss langsam anfangen, ein Resümee zu ziehen, das macht man doch an so einem Tag, oder? Über das, was wichtig war, ist und noch sein muss. Oder auch nicht! Ich gehe jetzt zum Fluss und lass mich inspirieren.

12 Stunden später: Das Hochwasser an der Oder hat sich in meinen Keller in Berlin verzogen, könnte man meinen. Ein Überlaufbehälter im Heizungsraum hat plötzlich ein Loch und wahrscheinlich seit Tagen vor sich hingetropft, während ich in Frankfurt war. Jedenfalls sind mal wieder alte Erinnerungen futsch: Noten, Briefe, Bücher, Bilder. Nun habe ich mein Resümee: 60 Jahre – ins Wasser gefallen!

 Bis zum nächsten Mal grüßt Euch herzlich

Eure Daggie