gelbke1.jpg Redlichkeit zwischen Trödelmarkt und Muggen
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke hat wenig Verständnis für die Bequemlichkeit mancher Jugendlicher und kann sich wieder für „preußische Tugenden“ erwärmen.

Dass ich alt bin, merke ich nicht nur an der nicht heilenden Zerrung dieses Fußballer-Muskels in der Leiste, die mich seit August vergangenen Jahres quält, trotz Physiotherapie, der treuen Ceragem- Massage-Liege, aber auch Theta- Healing, also eine Art Geistheilung, durch meine Tochter. Ich merke es auch an meiner sinkenden Toleranzschwelle, zum Beispiel „unserer Jugend“ gegenüber. Oder anders gesagt, ich benutze in diesem Zusammenhang immer öfter die Floskel: „Das hätte es in meiner Jugend nicht gegeben!“ Ich will das Problem der Jugendarbeitslosigkeit nicht herunter spielen, aber neulich las ich im Tagesspiegel eine Reportage über zwei Jugendliche, die keine Arbeit finden (und auch nicht finden werden), weil sie – verzogen von dieser Gesellschaft mit ihrem Individualitätswahn – nicht wissen, was sie wollen. Oder weil ihnen die Perspektiven in der vorgeschlagenen Ausbildung nicht passen. Schichtdienst als Medizintechniker zum Beispiel. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, normale Anforderungen ans Erwachsensein werden da allgemein als Menschenrechtsverletzung aufgefasst. Unglaublich, wie staatlicherseits diese Bequemlichkeit noch subventioniert wird. Das Amt bezahlt alles, die Wohnung – zwei Zimmer müssen es schon sein – und sogar die Möbel und technischen Geräte. Egal, ob Ausbildungen abgebrochen werden oder die Wohnung gar nicht bezogen wird, weil das Leben bei Onkel und Tante letztendlich bequemer ist.


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Da haben sie ganz schön zu schwitzen: Daggie und ihre Kollegen von den Oderhähnen habens derzeit mit dem „Alten Fritz“. Foto: privat

Wie war das bei uns? Als ich mit 20 nach Berlin kam, wurden mir neun (!) Quadratmeter in einer großen Altbauwohnung zugewiesen, im Haus der „Russendisko“ in Mitte übrigens, in der noch drei über achtzigjährige Damen wohnten. Dort war ich fünf Jahre lang glücklich, obwohl ich das Bad und die Küche teilen musste und an die Tür geklopft wurde, wenn ich mal wieder zu laut war. Beim Sex zum Beispiel. Die Möbel hatte ich mir aus Leipzig mitgebracht; alte Schränke, die ich anmalte – orange, rot, schwarz, weiß oder gelb, immer mal anders. Und ich war stolz auf jedes neue Teil, das ich mir selbst zusammengespart hatte. Ich wollte nicht alles geschenkt bekommen.

 Aber es gibt sie ja noch, die anderen jungen Leute, glücklicherweise. Meine Tochter zum Beispiel entwickelt inzwischen echt preußische Tugenden: Sparsamkeit und Redlichkeit zum Beispiel – altmodisches Wort, aber ich glaube, es meint u.a. Zuverlässigkeit und Beständigkeit. Und ich war zwischen Proben in Frankfurt (Oder), wunderbaren Muggen mit Gert Kießling (Er spielt wieder!!! Distel-Premiere am 7. Juni), Gartenarbeit, Sonnenschirmkauf mit Uschi Pulley und Frau Puppendoktor Pille sowie Bergen von geschältem Spargel auf die Schnelle mal wieder trödeln. Ist ja eigentlich nicht mein Ding, weil ich alles zu billig verkaufe und auch keine Lust zum Handeln habe. Aber irgendwie trifft man immer nette und interessante Leute, und die Zeit von morgens um sieben bis 15 Uhr vergeht wie im Fluge. Und da habe ich doch tatsächlich zwei ältere Badmöbelstücke an ein süßes junges Pärchen verkaufen können. Die beiden haben sich so ehrlich gefreut, dass mir das Herz aufging – meine geliebten Schränke sind in guten Händen, und ich musste sie nicht der Müllpresse einverleiben. Der junge Mann sagte auch gleich: „Wow, die besprühen wir, das wird geil aussehen!“ Apropos preußische Tugenden: Bei meinen „Oderhähnen“ in Frankfurt geht just, wenn diese Zeitung erscheint, das Sommerprogramm an den Start: „Fridericus Rex – Superstar“. Auch dort sind wir alten Hasen jetzt mit einem jungen Schauspieler konfrontiert – langsam müssen wir ja daran denken, den Stab weiterzureichen. Markus Strache-Zakharyia (32) ist ein Kind der Internet- Generation, einer, der viel zu schnell denkt und spricht, aber auch weiß, wie man aus Trauerweiden Aspirin gewinnt, weil er mal Gärtner gelernt und ein paar Jahre als Einsiedler im Wald gelebt hat. Und der akzeptiert, was wir Alten ihm in Sachen Kabarettkunst weitergeben wollen – und nicht alles besser weiß. Achtung vor dem Alter – war das nicht auch eine preußische Tugend?

 In diesem Sinne: Genießt die Sommersonnenwende, in sechs Monaten ist Weihnachten!

Herzlichst, Eure old Daggie Yellow