Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 93

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem verstorbenen Bluesmusiker Stefan Diestelmann fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Stefan Diestelmann

 

Das stille Sterben des Blueskönig

 

Die Biografie des begnadeten Bluesmusikers ist voller Brüche. Geboren am 29. Januar 1949 in München, siedelt er mit seiner Familie 1961 nach dem Bau der Mauer in die DDR über. Das hat er seinen Eltern immer verübelt, denn heimisch ist der Musiker im Osten nie geworden. Auch wenn er hier die größten Erfolge seiner musikalischen Karriere feiert und später, nach seiner Flucht zurück in den Westen, von diesem enttäuscht war. „Hier ist alles viel härter, die Konkurrenz größer und ebenso der Anpassungsdruck“, so seine spätere Erkenntnis. Doch sein Vater Jochen Diestelmann war Schauspieler bei der DEFA. Nach dem Mauerbau wollte er seine Karriere nicht aufs Spiel setzen. Für den 12-jährigen Stefan eine schwierige Situation. Seine Eltern schenken ihm eine Gitarre. In seiner Gedankenwelt flüchtet er sich in den Blues, auch, weil ihm der Vater verbietet, „Beatmusik“ zu machen. Vor allem aber, weil ihn der Rhythmus, die Bodenständigkeit dieser Musik gefällt. Das hatte etwas von Freiheit, Ungezwungenheit und Toleranz, all das, was er in seiner Kindheit und Jugend vermisst. Etwa in der Schule in Babelsberg, wo er als einer, der anders war, gehänselt wird.

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Die Musik hilft ihm darüber hinweg, er bringt sich sein musikalisches Handwerkszeug selbst bei. Nun ist er wer, wird bewundert, man schaut zu ihm auf. Ein Gefühl, dem er ein Leben lang hinterher jagen wird. Doch ehe er „der Diestelmann“ und neben Kerth und Biebl zu den Blues- Größen in der DDR wird, probiert er sich in mehreren Amateurbands aus, spielt bei „Vaih hu“, kurzzeitig bei den „Engerlingen“. Wegen versuchter „Republikflucht“ erhält er eine Bewährungsstrafe. Nein, drei Jahre im Gefängnis, wie er und andere es immer wieder gern kolportieren, saß er nicht. 1977 gründet er seine erste eigene Band – die Stefan Diestelmann Folk Blues Band; mit Rüdiger Philipp, Bernd Kleinow und Dietrich Petzold. Schon ein Jahr später veröffentlicht AMIGA unter dem Band-Namen die erste LP mit Blues-Standards wie „Caldonia“ und „Stormy Monday Blues“, aber auch eigenen Songs von Diestelmann, der Gitarre und Mundharmonika spielt, singt, komponiert und textet („Reichsbahn Blues“, „Blues für Kinder“, „Blues für Memphis Slim“). Mit letzterem Song drückt er seine Verehrung für Memphis Slim aus, mit dem er 1978 im Palast der Republik gemeinsam auf der Bühne steht. Schon zwei Jahre darauf erscheint die zweite Langspielscheibe „Stefan Diestelmann Folk Blues Hofmusik“, aufgenommen im Juni 1980 im Studio in der Brunnenstraße, mit „Bernies Blues“, „Hof vom Prenzlauer Berg“, dem „Blues von der guten Erziehung“ und einem Song, der ihn bis weit ins neue Jahrtausend begleiten wird: „Der Alte und die Kneipe“. Wegen seiner großen Popularität schenkt das Kulturministerium Diestelmann, der keine Ausbildung vorweisen kann, den „Berufsausweis“.

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Abb.: Stefan Diestelmann Anfang der 80-er Jahre (re.) und nach seiner  Flucht in den Westen. Seine zweite Amiga-Platte war ein Verkaufshit.
Fotos: nl-Archiv/Gueffroy, Jupiter Records/Kienitz

1982 lässt sich Diestelmann an der Seite von Alexis Korner bei der „Bratislavska Lyra“ feiern. Die Leser des Jugendmagazins „neues leben“ wählen ihn zum „besten Sänger des Jahres“ (1983 liegt er auf dem zweiten Platz). Da ist er bei der Preisverleihung, die 84 im Palast der Republik stattfindet, schon nicht mehr dabei. Nach einem Auftritt in Hildesheim (BRD) kehrt er nicht mehr in die DDR zurück. Wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ hatte er in mehreren Bezirken Konzertverbot, auch kaum noch Fernseh- und Radioproduktionen, sieht für sich keine Perspektive mehr in der DDR.

 Nun lässt er sich am Ammersee in Bayern nieder, gründet eine neue Begleitband und 1985 erscheint bei Jupiter Records sein erstes „West“-Album. Bis Mitte der 90-er Jahre kommen weitere hinzu, doch an die Erfolge, die er in der DDR feiern konnte, kann der Musiker nicht mehr anknüpfen. Zu groß ist die Konkurrenz und die Bedingungen stellen jetzt andere. Musik nur als Broterwerb, kleine Clubs statt Konzerthallen oder als Begleitmusiker für andere Größen zu wirken – das widerspricht dem Ego Diestelmanns. Schließlich hängt er die Musik an den Nagel, 1996 erscheint die letzte Platte „Folk Blues Best“ bei Hansa/Ariola mit den Hits von damals. Von nun an widmet er sich der Filmemacherei, gründet seine Produktionsfirma „Diestelfilm“ und produziert bis 2006 weltweit Werbe- und Dokumentarfilme.

 Danach verliert sich die Spur. Keiner weiß, wo Diestelmann abgeblieben ist. Den Recherchen des Journalisten Steffen Könau von der Mitteldeutschen Zeitung, der ihn vor Jahren am Ammersee besucht, ist es zu verdanken, dass die Öffentlichkeit im Dezember 2011 erfährt: „Stefan Diestelmann ist am 27. März 2007 gestorben.“ Fast fünf Jahre lang hatte das keiner bemerkt.

Ingeborg Dittmann