gelbke1.jpg Noch einmal an der Ballettstange der Kindheit
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke spürt das Leben gerade ganz hautnah
und wandelt auf den Spuren der Vergangenheit

Premiere im Sommertheater bei den „Oderhähnen“: Daggie als Operndiva in echtem Webpelz, Daggie als Gefängniswärterin, Daggie auf Rollerblades – Daggie ist glücklich. Trotz dieser vielen verfrühten Sommergewitter, trotz des entzündeten rechten Ischiasnervs und der rechthaberischen Unflexibilität unseres Hausmusikanten, die alle nervt, über die aber keiner spricht – er könnte sich ja was antun. Man kennt das ja: Die austeilen, können nicht einstecken. Aber vielleicht muss Leben manchmal reiben und wehtun, damit man es richtig spüren kann. Und wenn alles so läuft mit meinem Rentenbeginn wie vom Staat vorgegeben, sind es ja nun nur noch zwei Sommerspektakel, die vor mir liegen. Das heißt, ich muss jede Minute auf der Bühne auskosten. Und dafür schmeiße ich auch radikal alle Pläne über den Haufen: Mein Schauspielerkollege Uwe Karpa („alpha team“) wollte einmal im Leben den Hauptmann von Köpenick spielen. Nun darf er das in Leipzig – und hat mich gleich mit in meine alte Heimat verpflichtet. Das wird zwar erst 2014 passieren, aber immerhin werde ich demnächst öfter in die Pleißestadt reisen, statt mein Auslandssemester in London zu absolvieren.

 

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Als „die Wilde“ zeigt sich Daggie im neuen Stück auf Rollerblades; und dabei kommen ihr beim Balancieren ihre Ballett-Künste zugute.

Ach ja, mein Leipzig! Pfingstmontag habe ich mich (mit Ischiasnerventzündung und damit einhergehender Beinverkürzung) dorthin geschleppt zu einem Treffen ehemaliger Studenten der inzwischen abgewickelten Leipziger Fachschule für Tanz. Wir waren acht aus dem Immatrikulationsjahrgang 1964/65 – damals waren alle anderen anwesenden Absolventen noch nicht einmal geboren. Die meisten habe ich wirklich kaum wieder erkannt, sie mich aber alle. Na, das ist doch ein Kompliment. Und überhaupt: Jetzt, nach fast fünfzig Jahren, haben sie mir gesagt, dass ich einst ein Vorbild für sie war. Ich sei der Inbegriff von Freiheit gewesen – mit meinen bunten Miniröcken und meinen verrückten Ideen von der Verschmelzung der U- und E-Kunst. Und ich dachte immer, dass mich kaum einer von ihnen leiden konnte. So kann man sich irren.

Ja, ich habe damals schon von einer Musical-Schule geträumt und wurde für solche Ideen beinahe exmatrikuliert. „Sie schaden dem Ansehen der Staatlichen Ballettschule“, hieß es von Seiten der Direktion. Ähnliches passierte mir später auch an der Kaufmännischen Berufsschule in Leipzig – mein Vati musste immer alles gerade rücken, der Gute. Nun standen wir da am Grill, und wir Alten waren die Lustigsten in der Runde und warfen unsere alten Knochen auf die Ballettstange. Vielleicht, weil wir die Hauptzeit unseres Berufslebens eben doch auf einer sicheren DDR-Theaterbühne verbringen durften – mit Anspruch auf eine Tänzerrente nach 15 Jahren im Beruf. Die anderen Tänzer, die erst zu BRD-Zeiten ihren Abschluss machten, stehen im Regen. Okay, manche haben eine Tanzschule gegründet, aber das, was sie gelernt hatten, den perfekten klassischen Tanz, konnten sie kaum unter Beweis stellen.

Ja, wir sind damals alle großartig ausgebildet worden, wie die gezeigten Videos, die mir sehr an die Seele gingen, belegten. Ballett ist und bleibt für mich die wunderbarste aller Künste: Getragen von der herrlichsten aller Erfindungen der Menschheit – der klassischen Musik – hat der Tänzer für das, was wir Sänger und Schauspieler mit Worten sagen können, nur seinen Körper.

Nun ja, es war einmal. Auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof bin ich auch durch die Straße gefahren, in der ich bis zum Tod meines Vaters 1976 gewohnt habe. Gott, war das ein trostloser Anblick! Es wird zwar geredet, dass Leipzig so schön geworden sei, doch das gilt nur für die Innenstadt. Wo ich einst wohnte, sieht es aus wie zur Walpurgisnacht in Kreuzberg: Alles vernagelt – das Traditionsmusikhaus Tappert, die Kneipe an der Ecke, wo ich zum ersten Mal mit 15 zu viel Schnaps getrunken hatte, das feine Ledergeschäft Grundmann, die Eisdiele „Adria“, das Kino „Wintergarten“ ist gar abgerissen. Und die riesigen, zweiflügeligen Fenster in unserem Wohnhaus, über die Oma immer schimpfte, wenn sie sie putzen musste – ersetzt durch einfache Kippfenster! So hässlich, so stillos.

Ja, es ging schneller, als man gedacht hätte: Meine Kindheit – vernagelt und gestorben. Aber wie schrieb ich oben: Neue Premiere, neues Glück. Hier und Jetzt. Nehmt das Leben, wie es kommt! Ich umarme Euch

Eure Daggie