Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 103

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit Henry Kotowski und den "Sputniks" fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Kotowski und Die Sputniks

 

Eine echte Legende feiert 50. Geburtstag


Eigentlich schlug die Geburtsstunde der Band ja schon 1962, erzählt der Chef der ersten Beatgruppe der DDR. Mit Freunden hatte der damals 17-Jährige die „Telstars“ gegründet, eine der ersten deutschen Big-Beat-Bands. Doch als AMIGA im Jahr darauf im legendären Twist-Keller im Kreiskulturhaus Berlin- Treptow Titel für zwei Singles mitschnitt, wurde den Jungs nahe gelegt, sich doch besser nach der „östlichen“ Variante der Weltraumsatelliten zu benennen: Sputniks.

Als die „Beatles des Ostens“ erlangten „Die Sputniks“ damals schnell Popularität. Zur Erstbesetzung gehörten neben Henry „Cott’n“ Kotowski (Schlagzeug, Gesang) noch Bernd Emich (Baß), Achim Döhring (Gitarre) und Gerd Hertel (Gitarre). 1965 kamen für Döhring und Hertel dann Peter Nehls (Gitarre) und Benno Pennsler (Gitarre, Gesang). Auch Michael Fritzen (Saxophon, später Fritzens Dampferband) kam neu in die Band.

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Man spielte gängige Westtitel nach. Die ersten eigenen Songs, so genannter Gitarrenbeat, waren vor allem Instrumentaltitel („Nordlicht“, „Shazam“. „Etage 8“), schließlich waren Texte in Englisch unter Ulbricht („Dieses Yeah, Yeah, Yeah und wie das alles heißt“) verpönt. Am bekanntesten wurde ihr „Gitarren-Twist“, noch heute oft gewünscht von den Fans. Auf den ersten Beat- Samplern von AMIGA (Big Beat I und II) waren die „Sputniks“ mit mehreren Titeln vertreten.

Nach den Krawallen bei einem Konzert der Rolling Stones auf der Westberliner Waldbühne, vor allem aber nach dem 11. Plenum des ZK der SED, verschärfte sich die staatliche Einmischung und Kontrolle. 1966 kam Kotowski einem Verbot zuvor und löste seine Band auf. Erst 30 Jahre später sollte die Bandgeschichte weiter geschrieben werden. Und wieder ging die Initiative dazu von Cott’n aus. Doch dazu später mehr.

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Für Henry, geboren am 24. September 1944 in Alt-Grottkau, aufgewachsen in einer Musikerfamilie in Berlin, bestimmte die Musik in den 60-ern weiterhin sein Leben. Der gelernte Lok-Schlosser und Fachverkäufer für Musikinstrumente hatte schließlich schon mit 15 sein erstes Engagement – als Schlagzeuger in „Papa Rüdigers Dixieland Band“. 1960 wechselte er zum „Franke-Echo- Quintett“, gründet dann mit Emich und Döhring die „Telstars“. 1964 legte er an der Musikschule Friedrichshain seinen Berufsausweis ab, ein Muss in der DDR, obwohl er sich schon als Kind autodidaktisch Schlagzeug und Gitarre beigebracht und inzwischen genügend Praxiserfahrung auf der Bühne hatte. Nach den „Sputniks“ ging Henry zur Dresdener Uwe- Schikora-Band, später zu Klaus Lenz. Damals tourte er auch mit Edda Camerun und Manfred Krug. Für letzteren komponierte er die Songs „Jeder Tag mit dir“ und „Wenn du traurig bist“. Kurzzeitig war er auch bei Modern Soul und im Gerd-Michaelis-Chor, ehe er schließlich seine eigene Band – das „Henry-Kotowski-Sextett“, gründete. Dem gehörten u.a. Harry Jeske und Peter Meyer (ab November 69 „Puhdys“) und Herbert Dreilich („Karat“) an. „Kurzzeitig war auch mal Lippi (Wolfgang Lippert, d. Red.) Roadie bei mir“, erinnert sich Henry, der damals wie heute in der Musikerszene bekannt ist wie ein bunter Hund.Ende 

1969 begann seine Solokarriere als Sänger. So war er u.a. im „Schlagerstudio“ des DDR-Fernsehens erfolgreich mit „Du warst da“ und „Geh nicht allein“ vertreten. Bei AMIGA erschienen mehrere Singles („Rain, Rain, Rain“, „Alle sagen“, „Zickenrock“). Mit Peter Paulick gründete er 1976 das Gesangs-Duo „Peter & Cott`n“ (bis 78), danach die Country-Band „Cott’n & Co“ („In Kaulsdorf gibt’s ne Country- Band“). 1984 siedelt Cott’n mit seiner Familie in die BRD über, arbeitet mit verschiedenen Country- Musikern zusammen und als Lehrer an der Musikschule.1995 zieht es den Musiker, Sänger und Komponisten wieder zurück zu seinen Wurzeln. Ein Jahr darauf belebt er „Die Sputniks“ wieder, mit Dieter Kopf (2002 verstorben), Harald Waldherr und Axel Gröseling. 2002 erscheint ihr Album „Big Beat III. Surf, Twang & Rock’n’Roll“, Kotowski schreibt Filmmusiken z.B. für die Filmparodie „TELL“ und für „Neues vom Wixxer“.

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Abb.: Eines der ältesten Fotos der Sputniks aus den 1960-er Jahren, die Band 2012, Allrounder Henry gratulierte auch Siggi Trzoss zum 350. Kofferradio.

Fotos: Archiv, privat, Nachtmann

Gastspiele in Holland, England („Stars of the 60th“ im Londoner Palladium) und Schweden folgen. 2005 sind die „Sputniks“ Überraschungsgast auf dem weltgrößten Heavy-Metal-Festival in Wacken. Gegenwärtig produziert die Band (Kotowski, Michael Lehrmann, Marcus Schmidt, Frank Schultz) im Studio ihr neues Album zum „50.“, darauf werden auch zwei Duette mit Henrys Tochter Simone zu hören sein. Am 16. Juni sind die „Sputniks“ beim „Köpenicker Sommer“ live zu erleben und, wenn alles klappt, am 18. Oktober zur großen Geburtstagsparty im Freizeitforum Marzahn.

Ingeborg Dittmann