gelbke1.jpg Bilanz zur Sommer-Sonnenwende
Für Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke wurden aus einst 800 „Alu-Chips“
im vereinten Deutschland nur 800 Euro – und trotzdem lebt sie auf großem Fuße

So – gleich ist die erste Halbzeit 2015 vorbei. Zur Sommersonnenwende kann sich jeder ja mal fragen, was er so alles geschafft hat in dieser Zeit. Was mich angeht, so habe ich versucht, mir nahe stehenden Menschen zu helfen bei der Bewältigung ihrer Beziehungskrisen. Ich hatte immer ein offenes Haus und Ohr für ihre Probleme. Meine bulgarische Freundin Rossitza zum Beispiel hat sich wirklich sehr gut aufgerappelt, die andere Freundin sitzt leider in einer psychischen Einrichtung und macht eine Paartherapie, die nur dazu da ist, den Status quo zu erhalten, was bestimmt keine Lösung ihres Problems bringt.

Außerdem habe ich den Frühling gnadenlos ausgebeutet, indem ich alles, was blühte, zu Gelee verarbeitet habe: Löwenzahn, Flieder, jetzt schnell noch Holunder. Halb zur Freude, halb zum Fluch meines Gastgebers und Intendanten in Datteln bei Castrop-Rauxel. Da in unserer Künstler-WG nur ganz kleine Töpfe vorhanden sind, ist öfters mal was übergekocht und der Herd war entsprechend verklebt. Auch mein Giersch-Pesto war die Sensation für meine zum Teil veganen Mitstreiter, vielleicht sollte ich damit in Produktion gehen. Auch ein kleiner Nebenverdienst. Dann hatte ich Glückliche zwei Premieren mit Standing Ovations, erfolgreiche Gastspiele und wunderbare Untermieter aus der ganzen Welt bei mir zuhause in Schönefeld. Und zum Jahresende winken neue Aufgaben, mit denen keiner mehr gerechnet hatte: Frank Brunet und ich werden unsere Gerd-Natschinski-Revue „Wer ist Herr Bunbury“ wieder auf die Bühne bringen. Na, da muss ich aber gucken, ob mir die Kostüme von vor sechs Jahren noch passen – vor allem die Schuhe. Geht es Euch auch so: Mit zunehmendem Alter schrumpft man nicht nur, sondern bekommt auch größere Füße? Auf alle Fälle kriegt man plötzlich mehr Falten. Nach meiner erfolgreichen Fastenkur im Frühjahr vor einem Jahr kamen sie schlagartig. Nun hat meine Tochter mir erklärt, warum: Beim Fasten wird dem Körper das Fett entzogen, also auch die Polsterung der Haut – und zack, da sind sie! Hätte Paula mich nicht früher aufklären können? Jetzt will ich wieder zunehmen – aber schon passt das „Heiße Zeiten“-Kostüm, dem Stück, in dem ich die „Vornehme“ gebe, kaum noch. Und Geld für ein neues ist im Etat des kleinen Katielli-Theaters nicht vorgesehen. Man muss sich im Alter wohl wirklich entscheiden, ob man schlank sein will oder schön glatt. Oder man muss Gesichts-Yoga machen. Doch wer macht das schon?

Und dann war er da, der nie wirklich in Betracht gezogene Tag: Ich habe den Rentenantrag abgegeben. Irgendwie ist das mit dem Rentnerdasein so wie mit dem Tod. Eigentlich will man es nicht wahrhaben. Aber: Ich kann tatsächlich ohne Zeitverzug am 1. August mein Berufsleben mit der Altersrente für Frauen abschließen. Ich verzichte da auf 4,50 Euro im Monat. Die vier Fehljahre aus den 1970ern können auch nicht mehr dokumentiert werden, das sind etwa 30 Euro Verlust monatlich. Na ja, da muss ich durch. Die Mitarbeiterin der Rentenversicherung war übrigens sehr nett, jetzt kann ich noch ein paar Unterlagen bezüglich FZR nachreichen, und dann mal abwarten. Beim Kopieren der alten Lohnsteuerbücher habe ich festgestellt, dass ich ein Leben lang im Schnitt immer das Gleiche verdient habe – die Zahl 800 ist so eine Bezugsgröße, früher in Mark der DDR und jetzt in Euro. Klingt eigentlich gut, doch 800 Ostmark waren eben irgendwie mehr als 800 Euro heutzutage.

Aber das Theater mit der „Agentur für Arbeit“ habe ich nun endlich hinter mir. Ich habe kein Recht bekommen (siehe vorige jot w.d.-Ausgabe), meine Ansprüche verfallen aufgrund neuer „Durchführungsbestimmungen“. Ja, das war alles sehr entwürdigend und selbst die Tatsache, dass ein Hartz IV-Empfänger jetzt beim Sozialgericht Gotha (15. Kammer) Recht bekommen hat und bestimmte Beschränkungen demnächst als verfassungswidrig deklariert werden könnten, betont nur das Menschenunwürdige dieser Gesetze. Ich war zwar nie in Hartz IV, aber die normale Arbeitslosigkeit hat mir schon gereicht.

Rentner sein – nun also die Alternative zum Vorher. Es ist immer gut, Alternativen anzunehmen und sie zu suchen. Mein Kollege Klaus- Peter Pleßow zum Beispiel, der Fabian von Pittiplatsch und Schnatterinchen, setzt sich mit Herz und Hand für den Wiederaufbau von Nepal ein und sammelt, wo er geht und steht, Spenden. Da bewundere ich ihn. Ich habe einmal versucht, für Holger Biege beim Künstlerstammtisch etwas zu sammeln. Mache ich nie wieder, weil ich einfach zu viel hämische Bemerkungen eingefangen habe – so wie: „Der hat doch genug GEMA-Geld kassiert!“ Dabei sind seine Lieder, als er dann im Westen war, nie mehr gespielt worden.

Ich werde in der 2. Halbzeit 2015 erst einmal zu Ende studieren, vorher aber noch am 13. Juni im Stadttheater Cöpenick mein Soloprogramm „Im Osten kocht man auch sein Süppchen“ – ein Rückblick auf 25 Jahre Erfahrung im vereinten Deutschland – präsentieren. Da gibt es noch Tickets für Spontan- Entschlossene. Und zuvor werde ich eine meiner berühmten Billigreisen antreten. Wenn diese jot w.d.-Ausgabe erscheint, bin ich gerade in Bulgarien. Eine meiner ehemaligen Untermieterinnen, die einst in der Sowjetunion studiert und dort ein Zimmer mit einer bulgarischen Kommilitonin geteilt hatte, besucht diese mit mir gemeinsam am Schwarzen Meer. Mal gucken, ob ich nachvollziehen kann, warum ich als junge Frau gerade dort meine Männer rekrutiert habe – zwei Kirils waren es, einer davon Paulas Vater. Ob mal wieder eine bulgarische Affäre winkt? Keine Sorge: Bei mir zieht kein Mann mehr ein. Dann eher ein Flüchtling. Wobei – könnte in den heutigen Zeiten dasselbe sein ...

Na, dann drückt mir die Daumen, dass ich ballastfrei zurückkomme!

Eure Daggie