Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 127

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der polnischen Rock-Gruppe Rote Gitarren fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Rote Gitarren

 

Seit 50 Jahren im (Weißen) Boot

In diesem Jahr jährt sich der 50. Gründungstag einer Rockband aus Polen, die noch heute besteht und noch immer zu den beliebtesten Bands unseres Nachbarlandes zählt, die „Czerwone Gitary“, hierzulande besser bekannt als „Rote Gitarren“. Der Bandname soll sich an der Farbe ihrer Gitarren orientiert haben – die gab es damals nur in rot.

In den 1970-er und 80-er Jahren waren die „Roten Gitarren“ in der DDR die erfolgreichste Band aus den sozialistischen Bruderländern. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viele ihrer Songs ins Deutsche übertragen wurden – vor allem Ingeborg Branoner zeichnete für die deutschen Texte verantwortlich. Die 1990, 91 und 79 bei AMIGA veröffentlichten LP „Warszawa“, „Consuela“ und „rote gitarren“ gingen tausendfach über die Ladentische.

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Ihre Songs „Es brennen die Berge und Wälder“, „Draußen bei den Weiden“, „Sie heißt Anna“, „Purpurrote Segel“, „Wir ziehen weiter“, „Auf dem Dach dieser Welt“ und natürlich ihr Nummer- Eins-Hit von 1973 „Weißes Boot“ sind noch heute im Gedächtnis vieler Fans. Knapp drei Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Band in Cannes auf der weltgrößten Musikmesse „Midem“ – neben den Beatles – den Preis für die bestverkaufte LP im eigenen Land.
Im Januar 1965 hatten Jerzy „Juras“ Kossela (Gitarre) und Henryk Zomerski (Keyboard, Bassgitarre) gemeinsam mit Krzysztof Klenczon (Gitarre, Gesang), Bernard Dornowski (Gitarre, Gesang) und Jerzy „Jurek“ Skrzypczyk (Schlagzeug, Gesang) die „Roten Gitarren“ in Danzig gegründet. Von dieser Urbesetzung sind heute noch bzw. wieder Jerzy, Henryk und Jurek dabei. Die Besetzung der Gitarrenband hatte häufig gewechselt, seit Ende der 1990-er kamen auch junge Musiker dazu. Schließlich sind die drei „Urgesteine“ bereits um die Siebzig. Was bei einer Band, die vor 50 Jahren mit dem Motto antrat „Wir spielen und singen am lautesten in Polen“, nicht verwundert. Gehör haben sich die „Roten Gitarren“ damals sehr schnell verschafft – sogar auf internationalen Bühnen.
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In der DDR traten sie erstmals 1970 auf, belegten vordere Plätze in den Wertungssendungen des Rundfunks und waren schon bald Stammgäste diverser Fernsehsendungen. Rund eine Million Platten und Kassetten sollen in der DDR in den 70- er und 80-er Jahren von ihnen verkauft worden sein. Dass sie seit Mitte der 80-er Jahre nicht mehr eingeladen wurden, soll mit ihrer privaten Beziehung zu Lech Walesa (Solidarnosc) zu tun gehabt haben. Doch dass die „Gitarren“ in der Zeit um die politische Wende pausierten, hatte eher weniger politische Gründe. Ihr Frontmann, Sänger und Komponist Seweryn Krajewski (seit Dezember 1965 dabei) war 1997 ausgestiegen und hatte eine Solokarriere gestartet. Als Bandchef Jerzy „Jurek“ Skrzypczyk den bei einem Festival preisgekrönten Sänger Mietek Wadolowski kennen lernte, holte er ihn in seine wieder reaktivierte Band. Die „Roten Gitarren“ gaben nun auch im Ausland wieder erfolgreiche Konzerte – in den USA, in Russland, in Österreich, der Schweiz und in Deutschland. 2009 tourten sie mit ihrem neuen Album „Schwer verliebt und Herz verschenkt“ (deutsche Schlagertexte) durch den Osten Deutschlands, wo sie noch immer viele Fans haben. Damals noch so, wie man sie von früher her kannte – mit ihren weißen Anzügen, ihren roten Gitarren und eher schlagerhaften Songs. gitarren3.jpg
Abb.: Die Roten Gitarren am Anfang ihrer Karriere, auf der Amiga-Platte und heute.
Fotos: privat, Archiv

Das sah Ende Juni 2014 schon ganz anders aus, als sie beim Bergstadtfest in Freiberg auf der Bühne standen und losrockten. Nichts mehr da vom braven „Anzug-Image“. Das liegt sicherlich auch an der Verjüngung der „Gitarren“ – etwa durch den Sänger und Gitarristen Dariusz Olszewski. Klar, dass vom Publikum die Hits von damals gefeiert wurden, aber auch neue, rockige Songs aus den letzten Jahren kamen gut an. Die wenigsten Bands, die seit 50 Jahren auf der Bühne stehen, können da mithalten. 

Ingeborg Dittmann