Musiklegenden des Ostens -jot w.d.-Serie, Teil 1

In den kommenden Ausgaben wollen wir Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser - also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und anderen. Wir beginnen unsere Serie heute mit der in Friedrichshagen lebenden Sängerin Jenny Petra. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Jenny Petra

Die erste Pop-Sängerin der Berliner Musikhochschule
"Sie wollen uns wohl veräppeln", bekam Jenny Petra Anfang Mai diesen Jahres vom Personal einer Gaststätte zu hören. Sie hatte einen Tisch zu ihrer 70. Geburtstagsfeier bestellt. Als wir uns Mitte Juni in eben jener Gaststätte in Berlin-Friedrichshagen mit der Sängerin zum Gespräch treffen ("Meine Wohnung .. wird gerade rekonstruiert, da gibt's nur Lärm und Schmutz."), ergeht es uns ähnlich. Die "Siebzig" sieht man dem· Schlager-Liebling der 50er und 60er Jahre nun wirklich nicht an. "Ich muss wohl gute Gene haben", schmunzelt die Köpenickerin, deren Hit "Oh Michael" vor rund 45 Jahren Tausende junger Paare inspirierte, ihren Sprössling Michael zu nennen. "Das hat man damals sogar statistisch nachgewiesen", erinnert sich Jenny Petra, die durch Titel bekannt wurde wie "Weiße Wolken, blaues Meer und du", "Oh Michael" und andere.

Als Tochter eines Orchestermusikers wollte sie einst Pianistin werden. "Das konnte ich aber nicht, der schlichte Grund: Meine Finger waren dafür zu kurz." Jenny studierte trotzdem Schlagergesang. An der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler war das Mitte der 50er Jahre jedoch noch verpönt. Mit Hilfe eines ihrer Dozenten durfte sie es schließlich doch . "Mit allerhöchster Genehmigung vom ZK der SED", erinnert sie sich. Bis Mitte der 60er Jahre gehörte sie zu den gefeierten Schlagerstars der DDR. "Nach der Geburt meines Sohnes 1963 habe ich mich aus der aktiven Karriere zurückgezogen. Ich wollte im Zenit meiner Karriere aussteigen, nicht erst dann, wenn die Leute sagen: Was will die denn noch auf der Bühne?"

Deshalb legte Jenny Petra ihr Examen als Gesangspädagogin ab und unterrichtete noch bis 1994 an der Hochschule als Gesangsdozentin. Gerlinde Kempendorf, Annett Kölpin, Kirsten Kühnert und viele andere studierten bei ihr Gesang. Noch heute unterrichtet sie Schüler an der Musikschule Berlin-Treptow. "Ich fühle mich noch fit und möchte meine Erfahrungen dem Nachwuchs weitergeben." Ab und an steht die charmante Sängerin aber auch noch auf der Bühne. "Und immer noch mit Lampenfieber", gesteht sie der Reporterin.

Eigentlich ist Jenny ganz froh, dass sie in heutigen Zeiten nicht mehr zum Broterwerb auf der Bühne stehen muss. "Es geht doch alles nur noch ums Geld. Für mich war und ist mein Beruf jedoch Berufung." Auch dass heute sowohl im Fernsehen als auch bei Veranstaltungen draußen kaum noch "live" gesungen wird, entspricht nicht ihrer Auffassung von einem Profi. "Playback zu singen, das ist doch wie Essen aus der Konserve." Herz und Gefühl blieben dabei auf der Strecke, ist sie überzeugt. "Ich bin dankbar dafür, dass ich die 40 Jahre DDR - trotz aller Widrigkeiten und Probleme, die es gab - erleben durfte", blickt die sympathische Künstlerin zurück.

Ingeborg Dittmann

 

Jenny, Ende der 50er Jahre und heute

Fotos: Archiv, Dittmann

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