Große Pläne, abgekartete Spiele 

Zehn jahre jot w.d. – Der Rückblick – Das Jahr 2001

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Mit dem Amtseid von Bürgermeister Uwe Klett und seinen Stadträten am Neujahrsmorgen begann das „offizielle“ Jahr 2001 für Marzahn- Hellersdorf. Dass dieser Eid ausgerechnet im Hochzeitszimmer des neu erbauten Parkhotels in Kaulsdorf geleistet wurde, hatte auch einen symbolischen Charakter: Schließlich war der Bezirk nun vereint. Genauer gesagt wurde ja nur das fünf Jahre zuvor abgespaltene Hellersdorf von den Marzahnern „heim geholt“. Nicht wenige in der Lokalpolitik empfanden so. Die lokale Wirtschaft gab dem Bürgermeister „100 Tage“, dann aber wollte man endlich mehr öffentliche Aufträge vom Amt bekommen. 

 

Ärger gab es schon seit einiger Zeit in Mahlsdorf, denn dort wollten sich die Bürger die neue freie Sicht auf ihre Pfarrkirche nicht von einem riesigen Möbel-Klopper verbauen lassen. Selbst Gerichte wurden bemüht. Doch es nützte alles nichts. Materialismus schlug Idealismus – eigentlich logisch bei einer sozialistischen Regierung, oder? Zu Jahresbeginn spekulierte jot w.d. auch darüber, dass sich der leicht gammlige Kastanienboulevard in eine „5th Avenue“ verwandeln könnte. Schließlich hatten soeben „die Amerikaner“ mehr als 3000 Wohnungen von der WoGeHe gekauft. Nun ja, aus den Rückschauen der vergangenen Ausgaben wissen wir ja schon, dass viel geredet wird, es am Handeln jedoch oft mangelt. 

Zu Jahresbeginn 2001 bedauerten wir, dass der „Aktivspielplatz mit Tieren“ an der Riesaer Straße „nur“ noch 4 Stunden täglich öffnen kann. Heute ist diese schöne Einrichtung völlig verschwunden. 

Die Pfarrkirche verschwindet hinter Beton 

Gefährlicher Reichtum Ringkolonnaden 

Im Februar wurde in jot w.d. einmal „zurück gemeckert“, hatten doch Feuerwehr und Polizei der Presse ganz drastisch vor Augen geführt, dass die rücksichtslose Parkerei in der Großsiedlung Menschenleben gefährdet. Unterdessen machte sich das Bezirksamt zu seinem ersten Stadtspaziergang auf ins Gebiet um die Ringkolonnaden. Ein verdutzter Bürgermeister rief aus: „Und dieser Reichtum gehört uns?“ Kurz zuvor hatte die TLG die Immobilie, die einst Wolf-Rüdiger Eisentraut entwarf (jot w.d. schrieb leider „Ehrentraut“), an den Bezirk übereignet. Der damalige Wirtschaftsstadtrat Harald Paul sprach keineswegs euphorisch von einem „gefährlichen Reichtum“. 

An vernünftigen Plänen für die „RiKo“ fehlt es trotz vollmundiger Ankündigungen heute, fünf Jahre später, noch immer. Große Pläne hatten Bezirk und Agrarbörse auch für das Hellersdorfer Gut. Gewerbe- und Ausbildungszentrum, Kultur- und Freizeitangebote, mittelalterliches Handwerk, ja und sogar ein Öko-Markt sollten dort angesiedelt werden. Kann gut sein, dass sie dies noch immer sollen – beim Gut geht eben alles im Schneckentempo. Unterdessen versank die versprochene Schwimmhalle in der Hellen Mitte in einem riesigen Bauloch und ward nie mehr gesehen. 

Erinnern Sie sich noch an Stadträtin Petra Leuschner? Sie wollte tatsächlich „alles tun, um Jugendliche im Bezirk zu halten“ und forderte qualitativ gute Angebote an Kitas, Schulen und Freizeitstätten. Unterdessen wurden die ersten sieben Schulschließungen im Bezirksamt beschlossen. Allerdings: Es gab auch den neuen Jugendklub „Anna Landsberger“ nahe der Landsberger Allee. Wenigstens den gibt’s immer noch. 

Eine letzte Solofeier, die zehnte immerhin, genehmigte sich der „Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf“, ehe auch er die Weichen auf den Zusammenschluss mit seinem Marzahner Pendant stellte. 

Bäume weg, aber keine Häuser 

Freudig verkündete das Bezirksamt die Planreife für eine neue Einfamilienhaussiedlung an der Landsberger Straße in Mahlsdorf Nord. Und – wie bei uns im Bezirk fast üblich – wurden hurtig die Kettensägen gezückt und Dutzende Bäume gefällt. Das Gebiet ist bis heute mit Bauzäunen abgesperrt . Gerade mal drei Siedler, die vermutlich die Einsamkeit schätzen, haben sich ein Dach über’n Kopf bauen lassen. Bäume gibt es nach wie vor nicht. Aber ein paar Meter Radwege. Das ist doch auch etwas. 

Schon damals forderten die Bürger ein Verkehrskonzept für den Bezirk, das mehr als Radwege enthält. Es fehlt noch immer. Genauso verschaukelt fanden sich die Bürger vom Brandenburgischen Straßenbauamt betreffs der Ortsumfahrung Ahrensfelde. Von „abgekartetem Spiel“ war die Rede – zu Recht ist es die auch heute noch. 

Erstmals Abrisse im Gespräch 

Ganz neue Töne hörte man gegen Jahresmitte bezüglich des massiven Leerstandes in der Großsiedlung. Erstmals werden auch Abrisse erwogen. Stadtrat Niemann versicherte allerdings, Abrisse aus rein wirtschaftlichen Erwägungen würde er nicht genehmigen. Wie sich die Zeiten doch in nur fünf Jahren ändern. Zum sinnvollen Umgang mit der Problematik hat auch jot w.d. umfangreich beigetragen, u.a. durch mehrere große Berichte über Lösungen aus anderen Städten wie Magdeburg, Forst, Weißwasser oder Schwedt. 

Gerd Wessels Blick auf’s Balancierhaus 

Einen echten Schlager, der sich als Hit, ja als Dauerbrenner erweist, hat die WoGeHe gezogen. Sie verpflichtete mit Gerd Wessel den ersten „Stadtzeichner“. Noch heute, fünf Jahre später, arbeitet Wessel im Bezirk und zeigt seine witzigen Collagen, die liebevoll-respektlos mit den „platten Bauten“ umgehen. 

Im Mai 2001 bezog Pastor Bernd Siggelkow mit Suppenküche und Arche-Klub das Gebäude der ehemaligen Grundschule „Am Beerenpfuhl“. In der Zwischenzeit hat er den Bezirk weltweit mächtig ins Gerede gebracht mit seinen Thesen von den „hungernden Kindern in Hellersdorf“. Geld hat er damit allerdings in ungeahnten Ausmaßen zusammen tragen können. 

Positiv in vielen Ländern ist Hellersdorf seit 2001 auch in vieler Munde. Denn damals gründete die WoGeHe das „Kompetenzzentrum Plattenbauten“, mit dem hiesige Erfahrungen in Sanierung und Stadtumbau Gewinn bringend vermarktet werden sollen. Das läuft zwar eher still, aber nicht ganz erfolglos ab. 

Ein Erfolg war auch der „1. Deutsche Schlagerball“, den Siggi Trzoß mit vielen bekannten Stars von damals im Gutshaus veranstaltete. 

Exklusivbericht über Emilie Schindler

Erfolgreich geschwitzt hatten auch Bernd Götze (SC Innova) und Hubertus Bickmann (MEGA), die 800 Kilometer durch die jordanische Wüste geradelt waren, um mit dieser Aktion Geld für Not leidende Kinderheime in Bulgarien zu sammeln. 15 000 Deutschmark haben sie so zusammen gebracht.

Im Sommer konnte jot w.d. eine ganz exklusive Geschichte berichten. Als einzige Journalisten waren wir beim Auftakt des Besuches von Emilie Schindler in Berlin, das sie 58 Jahre zuvor verlassen hatte, dabei. Der Sommer selbst war in jeder Hinsicht hitzig – standen im Herbst doch Berlin-Wahlen auf der Tagesordnung. Nach den Bezirksfusionen musste jede Partei erst einmal sehen, wo sie in der „vereinigten“ Wählergunst steht. Der Ausgang ist bekannt: Die PDS errang im Herbst die absolute Mehrheit und wollte „fortan sachliches Miteinander die Politik bestimmen“ lassen. Na ja, nicht immer hat’s geklappt.

Allerdings waren alle Parteien froh, dass es die Rechten trotz des Terrorschocks vom 11. September nicht in die BVV schafften.

Wahlkampf volksnah mit Skat, Gysi und Simdorn

Spranger, Bey und Klett zeigen schon den Beerdigungsblick beim Spatenstich für’s Schuldorf

 

Der Witz des Jahres stand auch in Ausgabe 8: „Das Schuldorf wird gebaut“ titelte jot w.d. und zeigte den ersten Spatenstich. Vermutlich steckt der Spaten bis heute in dem Loch, in dem auch die neun Millionen Euro versenkt wurden.

Neben all den politischen und sachlichen Fragen wird unser Bezirk doch hauptsächlich durch seine Menschen repräsentiert. In diesem Zusammenhang entdeckte jot w.d. beispielsweise, wie zwei der alten Rathausbären vom Roten Rathaus in einen Mahlsdorfer Vorgarten gelangten. Und feierte gemeinsam mit der „Cello-Familie“ deren 20jähriges Bestehen. Mögen sie uns noch lange mit ihrer wunderbaren Musik verzaubern.

Ralf Nachtmann

Fotos: Nachtmann, Dittmann