Längst versickerte Lebenspläne

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke feiert jede Menge Jubiläen

 

Der Sommer ist schön. So ein richtiger Landsommer, ich liebe den Wechsel der Winde, der Temperaturen, denn noch riecht nichts nach Herbst und Sterben, die Nächte sind hell, alles ist saftig grün, der Rasen nicht verdorrt, wie im vorigen Jahr um diese Zeit, als Omi gerade einen neuen Herzschrittmacher bekommen hatte und dann doch bald im Sterben lag. Sähen meine stadtneurotischen Freunde nicht im Mähen einen sportlichen Ausgleich, ich hätte im Garten eine richtige Wiese mit Schmetterlingen und bunten Unkräutern. Die Welt, meine kleine, scheint in ihrer Mitte zu ruhen, ein seltener Moment, der nach Ewigkeit duftet.

Diese Sommerruhe scheint Raum zu öffnen für versickerte Pläne. Im nächsten Jahr feiere ich bei den „Oderhähnen“ mein zehnjähriges Jubiläum. 2009 mein fünfzigjähriges Bühnen- und vierzigjähriges Berufsjubiläum, und 2010 werde ich 60. Das schreit doch förmlich danach, eine neue Show zu konzipieren! Und sollte ich nicht mal ernsthaft über ein neues Buch nachdenken? „Mein wunderbar verwursteltes Leben“ vielleicht, oder ein neues Kochbuch? Gehe ich nun für länger in die USA oder schreibe ich mich wirklich ein als Studentin an der Viadrina? Alles wäre möglich. Bei letzterem müsste ich allerdings den Verlust der Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse in Kauf nehmen. Und die Tatsache, dass mir die Studienjahre nicht für die Rente angerechnet werden – wie übrigens auch fast zwei Jahre meiner Ich-AG-Zeit – wegen Geringfügigkeit der Einnahmen, obwohl ich Pflichtbeiträge bezahlt habe. Liebe Sommerbrise, sag, will ich mich jetzt aufregen? Da wird man in die Selbständigkeit gelockt mit dem Ergebnis, Anrechnungszeiten zu verlieren?

Ja, ich rege mich auf, und ich werde auch vor Gericht gehen, wenn es sein muss. Überhaupt - ich kann bisher nicht bestätigen, was ich zum Jahresbeginn schrieb: 2007 sei mein Jahr, da ich doch am 20.07. geboren wurde. Der Tourneeplan sah mager aus, viele Vorstellungen mit der „Comedia Saxonia“ in Sachsen, wo ich in zwei Stücken als Charleys Tante und aufgetakelte Fernsehmanagerin mitspiele, mussten wegen Besuchermangel ausfallen, und die, die stattfanden, wurden dann vom Theaterdirektor nicht mal bezahlt.

Doch was soll’s. Bei den Oderhähnen in Frankfurt/Oder hatten wir endlich die umjubelte Premiere unseres Sommerschwanks „Abgebrannt ins Ami-Land“, und bis 18. August spielen wir dort von Mittwoch bis Samstag in schöner Regelmäßigkeit, manchmal auch nachmittags für unsere Rentner, in dem idyllischen, überdachten Biergarten im Haus der Künste.

Ich darf diesmal viel singen und tanzen, habe, um in die Kostüme aus Friedrichstadtpalast-Zeiten hineinzupassen, durch Verzicht auf Kohlehydrate mit einer uralten DDR-Diät acht Kilo abgenommen, und ich bin wieder einmal dankbar, diese kleine Kabaretttruppe gefunden zu haben.

Übrigens: Am 7. Juli, 19 Uhr, gastieren wir mit „Eine Reise nach Amerika“, diesem Sommerspaß der reisewütigen Familie Fischer, im Lakeside-Hotel in Strausberg, Gielsdorfer Chaussee 6. Wer Barbra Streisand aus „Zeitmangel“ verpasst hat, kann dann wenigstens mich hören. Ist das nicht ein guter (Ausflugs)tipp?

Also, man sieht sich!

Eure Daggie Gelbke

P.S.Übrigens finde ich die Karikatur mit unserer Angie als Amme der polnischen Schreihälse Kaczynski gar nicht schlimm, die dort dargestellte Weiblichkeit sollte unsere Landesmutter doch ehren! Allerdings hätte ich mir die Zwillinge mit Schlangenkörpern gewünscht. Aber so weit geht – die ansonsten weltweit bekannte Genialität der polnischen Karikaturisten – dann doch nicht. Ich stell mir übrigens gerade vor, was wäre, wenn jetzt aufgrund dieser Karikatur Tausende Frauen in Deutschland auf die Straße gingen, um polnische Fahnen und Kaczynski-Porträts zu verbrennen…