Die Monarchie bringt keiner zurück

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke besuchte, gesponsert vom Oder-Kabarett, Budapest

 

Wie heißt der Spruch so schön: Rentner haben niemals Zeit. Nun bin ich zwar noch keiner, aber durch den diesjährigen seltsamen Mondverlauf mit seinen viel zu frühen kirchlichen Feiertagen wie Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, bin ich mit dem Redaktionsschluss für meine jot w.d.-Kolumne glattweg durcheinander gekommen und habe im Juni pausiert. Wie kriege ich nun aber alles unter, was seitdem Berichtenswertes passiert ist?

Zum Beispiel hat das alte, böse „Kartoon“ einen Monat nach der großkotzigen Neueröffnung Insolvenz angemeldet und ist schon aus dem Springerhaus ausgezogen. Nun kann man nur hoffen, dass der alte Satiriker-Vater Peter Tepper sich nicht zum Gott-Vater berufen fühlt und die abtrünnigen Schafe verzeihend in seine Arme schließt, sprich ins „Charley M“ aufnimmt. All die Intrigen mit seinen „Kindern“ hat er schon mehrmals erlebt, teils mit seiner Billigung, letztens ohne. Die ändern sich nicht mehr. Es wäre schade um das neue Brettl.

Denn dort läuft es prima. Gisela Oechelhaeuser spielt selbst montags ihr furioses Solo-Programm, das im Mai Premiere hatte, manchmal vor ausverkauftem Haus. Es gibt während des allgemeinen Berliner Sommerlochs keine Spielpause in der Karl-Marx-Allee, deshalb kann ich nur empfehlen, vorbeizuschauen.

Wo man unbedingt auch noch vorbeischauen sollte, und zwar bis 5. Juli, ist die „Tribüne“ am Ernst-Reuter- Platz. Zum einen, weil das charmante Traditionshaus im Herbst geschlossen werden wird, zum anderen, weil dort das Musical „Irma La Douce“ mit einer hinreißenden Katharine Mehrling in der Titelrolle die Zuschauer zu Standing Ovations verführt. Okay, im Westen sind stehende Ovationen ja fast schon ein Muss, um sich selbst zu beweisen, dass man die teuren Eintrittskarten zu Recht gekauft hat. Aber die Karten in der „Tribüne“ sind nicht teurer als im „Charley M“, und das junge Ensemble schafft es, unterstützt von einer fantastischen kleinen Liveband unter Carsten Gerlitz, erfrischend originell und unkonventionell, will sagen mit einfachsten Mitteln, das Publikum zu packen. Und man erlebt nicht den typischen Kitsch, wie man ihn aus den standardisierten Inszenierungen des heutigen Musical-Geschäfts kennt. Ob Stuttgart, Berlin oder London, hast Du eins gesehen, kennst Du sie alle.

Csárdas-Würstchen vom Plattensee

Ja, und bei den „Oderhähnen“ in Frankfurt/Oder ist uns aber trotz des stets ähnlichen Handlungsstrangs unseres Sommertheaters mal wieder ein „Jahrhundertwerk“ gelungen, jedenfalls finden das die allabendlich tobenden Zuschauer. Wir haben doch tatsächlich die totgesagte Madame Operette wiederbelebt.

Diesmal fahren wir vom Plattenbau zum Plattensee, also nach Ungarn, um die „Csárdás-Würstchen“ zu verkosten. Neu getextet von Dieter Lietz erklingt alles, was an Operettenrepertoire gut und teuer ist: Csárdasfürstin, Bettelstudent, Gräfin Mariza, Wiener Blut und und und. Gespielt wird noch bis 16. August, Senioren- Vorstellungen am Nachmittag; ich kann nur sagen: Wien – äh Frankfurt ist eine Reise wert! Und Budapest, ach! Nachdem uns der Gerichtsvollzieher seit 2003 ausstehende Gagen überwies, hat die Intendanz der „Oderhähne“ beschlossen, die auf die Bühne gebrachte Ungarnreise ins richtige Leben zu übertragen und hat eine Vereinsfahrt ins früher so beliebte Freundesland organisiert.

Joi, war das schön; Puszta, Páalinka und Reiterspiele, Tihany am noch vorsaisonalen blauen Balaton, der Palacsinta mit Primásgeigen am Donauufer, die Fischerbastei, und natürlich auch „Elisabeth“, das Musical im altehrwürdigen Budapester Operettentheater... Dieser Abend wurde allerdings davon überschattet, dass unsere Männer den ersten Teil des EM-Spiels Deutschland-Türkei verpassten. Nun, sie haben es irgendwie überlebt; erstaunlich.

Die Krönung dieser „Klassenfahrt“ war unser „Gastspiel“ auf der Fischerbastei. Wolfgang Flieder und ich hatten während der Pusztafahrt die ebenfalls anwesende französische Reisegruppe 2:1 beim „Weinflaschen- Abpeitschen“ geschlagen, und mit dem guten Landwein und einem CD-Player bewaffnet trällerten wir die Lieder unseres Ungarnprogramms in die lauschige Sommernacht. Leider hatte ich meinen unentbehrlichen Sommerhut nicht dabei, sonst hätten wir vom internationalen Publikum auf Budas schönster Aussichtsplattform Forinten für einige Weinflaschen sammeln können. Ich meine, Wolfgang Flieder hatte schon beim Puszta-Essen mit „Dein ist mein ganzes Herz“, begleitet vom ungarischen Zimbalonspieler, von den Franzosen mehr Applaus bekommen als der Primas, aber wie er diese Arie mit dem Text unseres Wurstfabrikanten, Fürst Eszterhazy: „Nein, es ist gar kein Scherz, die Monarchie bring ich zurück…“ hinüber zum Parlament schmetterte – das sind so die Momente im Leben, die man nie vergisst.

Wer nun Lust auf „mal wieder Ungarn“ bekommen hat, kann sich auf ein sauberes Land freuen, in dem allerdings die Armut allgegenwärtig ist – und auch der Beschiss in den preislich an Deutschland angepassten Kneipen. Leider ist auch vom ungarischen Charme nicht mehr viel übrig: Service wird als Pflichtübung und nicht als Berufung aufgefasst. Na ja, da haben sich die Ungarn dann den Deutschen wohl auch angepasst. Ich würde trotzdem sofort wieder hinfahren. Viszontlátásra!

Eure Daggie Gelbke