Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 59 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Pianisten, Sänger und Komponisten Holger Biege fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Holger Biege

 

Leiser als laut

 

Unsre Überschrift ist geklaut. Sie ist das Motto der Biege-CD von 1994. Doch Treffender kann man es in dieser Verknappung kaum fassen - das, was den 56-jährigen Ausnahmemusiker beschreiben könnte. Journalisten und Musikkritiker über- schlugen sich schon mit Superlativen über diesen jungen Mann, da kannte ihn noch gar keiner. „Seine Art, Schlager zu interpretieren, baut nicht auf landläufige Hörgewohnheiten und reiht sich nicht ein in nur allzu bekannte Schlagerklischees. In Korrespondenz mit dem Klavierspiel vermag seine Stimme selbst innerhalb eines Vier-Minuten-Titels verschiedenste Farbnuancen zu setzen; Hoffnung und Resignation auszudrücken, Sanftheit und Entschlossenheit, Sehnsucht und Unrast.“ So begann mein nl-Artikel „Will alles wagen“ im Dezember 1977. Und er endete mit den Worten: „Und immer ist eine Art von Unruhe, Rastlosigkeit in ihm. Manche halten das für Zeichen von Nervosität, Überspanntheit. Ich glaube, er braucht diese Unruhe, um schöpferisch zu sein.“

Abb.: Holger Biege Mitte der 70- er Jahre und 2006 im Musikantenklub im Prenzlauer Berg (o.) schrieb kürzlich auch einen Gruß an die jot w.d.-Leser.

Fotos: nl-Archiv, Nachtmann

Das mit der Bekanntheit sollte sich schon bald ändern, als der Pianist, Komponist und Sänger, 1975 noch Bandsänger bei der Schubert-Formation in Halle, zum ersten Mal in den Medien auftauchte. Bei der Berliner „Schlager-Bilanz 1976“ wurde Biege bester Interpret, bekam den Preis für Komposition und Text und für den „Ohrwurm des Wettbewerbes“. Und das, im besten Sinne des Wortes und fern jeglicher Klischees, sind Bieges Lieder noch heute, nach mehr als 30 Jahren. Die von damals („Wenn der Abend kommt“, „Bleib doch“, „Kann schon sein“ oder „Deine Liebe und mein Lied“) und fast alle, die danach kamen. An vorderster Stelle solche wie „Sagte mal ein Dichter“ oder „Reichtum der Welt“. Komponiert von Biege, mit Texten von Ingeburg Branoner und Fred Gertz. Wer sich die Texte anschaut, wird feststellen: Sie sind zeitlos – und manche (fast 30 Jahre alt) heute aktueller denn je: „Gibt es den Reichtum der Welt morgen noch/ Oder ist vieles davon schon hin?/ Die Luft, die uns erst leben lässt/ Hüllt den Erdball ein/ Soll für alle, die nach uns kommen/Sie schon vergiftet sein? ... Gehört der Reichtum der Welt allen schon/ Oder bleibt vielen nicht viel versagt?“ (aus „Reichtum der Welt“).

 Bieges Biografie gleicht der vieler ernst zu nehmenden Künstler. Geboren am 19. September 1952 in Greifswald, zeigte er schon frühzeitig musikalische Neigungen. Schon mit 5 Jahren saß er am Klavier, hatte vom 9. bis zum 16. Lebensjahr Klavierunterricht. Erste eigene Stücke schrieb er mit 11. Schon damals bewunderte er Bach, Mozart, Bartók, auch Schönberg oder Stockhausen. Aber auch Stevie Wonder oder die Beatles. Dennoch wollte der damals naturwissenschaftlich interessierte junge Mann nicht Musiker, sondern Astronom werden. Also begann er zunächst eine Lehre als BMSR-Techniker mit Abitur, brach nach einem Jahr ab und belegte an der Berliner Musikhochschule das Fach Klavier. Er brach das Studium vorzeitig ab, wechselte nach seinem Wehrdienst zur Musikschule Berlin-Friedrichshain (der „Kaderschmiede“ der meisten Ostrocker) und erwarb schließlich 1976 seinen Berufsausweis als Pianist und Sänger.

Nach einer kur- zen Episode als Sänger in zwei Rockbands begann er als Sänger und Pianist solistisch zu arbeiten, komponierte, z.B. auch für seinen Bruder Gerd Christian („Sag ihr auch“), tourte mit Konzerten von Rostock bis Suhl, fehlte bei kaum einer Pop-Sendung von Funk oder T V , produzierte Platten und wurde von Lesern des Jugendmagazins „neues leben“ 1978 und 79 zum „Interpreten des Jahres“ gekürt. Die erste LP („Wenn der Abend kommt“ von 1978) läuft sich noch heute auf meinem Plattenteller wund. Und obwohl in den Jahren danach (auch nach seiner Übersiedlung in den Westen 1983) noch viele Scheiben veröffentlicht wurden, nicht nur die Fans, sondern auch Biege scheint an den Liedern von damals zu hängen. Taucht das eine oder andere bis heute doch immer wieder auf Samplern auf, und sie fehlen auch bei keinem seiner Konzerte, die ihn nach der Wende nun auch wieder durch ostdeutsche Lande führen. Nach seiner Ausreise hatte man nur noch wenig gehört von ihm, obwohl er weiter Alben produzierte. Er arbeitete als Arrangeur, war musikalischer Sachverständiger für Musikverlage und gab vereinzelt Konzerte. Gegenüber dem kommerziellen Musikmarktrummel übte er weitgehend Abstinenz. Er blieb eben „Leiser als laut“ (CD 1994), getreu dem Motto „Lieder atmen, Lieder tanken“ (CD von 2001). Nach der Wende kam er mit seiner Familie zurück nach Berlin, ehe es ihn 1998 nach Niedersachsen verschlug. Im August ist Holger Biege erstmals beim nun schon traditionellen Ostrock-Klassik-Konzert in der Berliner Wuhlheide dabei.

Ingeborg Dittmann