Erkenntnisse an der Schwelle des 7. Jahrzehnts

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke begreift „auf der Couch“ das Chaos als Lebensordnung

 

Was ich letztens schrieb über mein ins Wasser gefallenes Leben kann ich so nicht ganz stehen lassen. Beim Trocknen der „Überschwemmungsopfer“ in meinem Keller (der Bücher und Papiere) habe ich Dokumente entdeckt, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Zum Beispiel die Heiratsurkunde meiner Eltern: Ein vergilbtes Bütten-Papier, handschriftlich ausgestellt mit schwarzer Dokumententinte und in altdeutscher Schreibweise, irgendwie ein Kunstwerk, vom Hakenkreuz tragenden Reichsadler als Stempel mal abgesehen. Es ist nicht zu vergleichen mit den mittels Maschine oder Computer erstellten Urkunden der Neuzeit. Ich werde es rahmen, dann wahrscheinlich nie aufhängen (wie die Silberhochzeitskrone meiner Mutter) und irgendwann macht meine Tochter das, was ich nie geschafft haben werden: Sie schmeißt alles auf den Müll.

Nun bin ich ja zur Zeit mit dem Sommertheater in Frankfurt/Oder beschäftigt, wo wir als Oderhähne „Das Sünderparadies“ – das „deutsche demokratische Fürstentum Groß-Sackow“ – gegründet haben und ich bis 21. August als Großfürstin Liselotte residieren darf. Dazu kommen diverse Sitzungen bei einem Verkehrspsychologen, damit zwei Punkte aus der Flensburger Kartei gelöscht werden können. Wie zu erwarten war, nehme ich jedes Mal „die Couch“ mit nach Zehlendorf, damit der Seelenklempner sich drauflegen kann, aber die Frage nach der Ursache der Dinge, die wir tun, wie z.B. immer und immer wieder zu schnell zu fahren oder nichts wegwerfen zu können, die bewirkt immerhin, dass man innehält. Dass man danach trotzdem keine Antworten findet, steht auf einem anderen Blatt, und selbst wenn, ist es noch schwieriger, sie auch anzunehmen. Zu schnell fahre ich, weil ich in meinem Leben selbst entscheiden wolle, was Ordnung ist, sagt der Psychologe. Er sagt auch, dass diese Einstellung in einem sozialen Gefüge (in diesem Falle dem Staat mit seinen Verordnungen wie der Straßenverkehrsordnung) als unsoziales Verhalten zu bewerten sei. Und als „unsozial“ will ich nun doch nicht dastehen. Also Reue?!

Aber Moment Mal, das ist sie doch, die wirklich wichtige Erkenntnis an der Schwelle zum siebten Lebensjahrzehnt!! Ich kann schwer etwas wegwerfen, weil ich entschieden habe, dass das Chaos die mir eigene Lebensordnung ist.... Soll ich daran wirklich mit Gewalt etwas ändern? Zumal ich diesbezüglich gerade ein Glückserlebnis der anderen Art hatte. Unser Bühnenmeister Rosi Rettich, ein junger, kräftiger Mann, fiel zwei Tage vor unserer „Fürstentum“-Premiere von der Leiter und muss nun wegen eines Kreuzband- und Meniskus- Risses das Bett hüten, was für einen Dynamiker wie ihn die Hölle ist. Außerdem spielt er Bass in der Punk-Band „Die Bockwurschtbude“, und das Konzert „Rock gegen Rechts“ stand vor der Tür. Kurz entschlossen habe ich Omas roten „Rennroller“, einen dreirädrigen Elektro-Krankenfahrstuhl, der seit ihrem Tod vor vier Jahren in meinem Schuppen vor sich hinrostete, in mein Auto geladen. Rosi hat ihn mit zwei Autobatterien auf Touren mit immerhin 16 Stundenkilometern gebracht, und nun rollt er unter den neidischen Blicken älterer Damen durch Frankfurts Supermärkte und Parks. Und beim Konzert war Rosi mit ihm sogar auf der Bühne. Oh, das wird Oma auf ihrer Wolke gefallen haben! Ist meine „Ordnung“ nicht doch etwas sehr Soziales? Kommt gut über den Sommer,

Eure Daggie

Der alte Rollstuhl aus Daggies Keller war für den verletzten Musiker Rosi Rettich die letzte Rettung.

Foto: Gelbke

Liebe Daggie, wir gratulieren Dir ganz herzlich zu Deinem 60. Geburtstag und der späten „Erkenntnis“ DEINER Lebensordnung. Damit hast Du vielen anderen, an sich zweifelnden „Chaoten“ den Weg zum teuren Seelenklempner erspart. Wie sagte doch schon anno 1740 Preußens Friedrich zwo: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden!“ In diesem Sinne: Glück auf den Weg! Im Namen der Redaktion

Deine Inge