Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 71 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Altmeister des Jazz Klaus Lenz fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Klaus Lenz

 

Der Lenz ist (wieder) da

 Eigentlich wollte er nie wieder Musik machen, der „spiritus rector“ und „Motor“ der DDR-Jazz-Szene. Vor 30 Jahren, drei Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR, hatte er seine Trompete beiseite gelegt, um seinen Lebensunterhalt auf ganz anderem Gebiet zu verdienen: Er wurde Restaurator, kümmerte sich an seinem neuen Wohnort, dem rheinischen Mauel bei Köln, um Fachwerkhäuser und Antiquitäten. Doch in diesem Jahr, dem Jahr seines 70. Geburtstages, kehrte der Jazzmusiker, Komponist und Bandleader doch noch einmal auf die Bühne zurück. So ganz freiwillig war das anfangs nicht. Es soll Bernd Ganßauge von der „Privaten Initiative für Wurzen“, einem großen Jazz-Liebhaber, wohl allerhand Überredungskunst gekostet haben, bis er Lenz soweit hatte. Und letztlich wurden sogar mehrere Konzerte daraus – in Wurzen, Halle, Leipzig, Dresden und Berlin. Und so brach am 31. März das Berliner Kino „Babylon“ aus allen Fugen, als der Meister dort mit 19- köpfiger Bigband antrat – darunter Musiker, mit denen Lenz in seinen verschiedensten Bands und Projekten zusammen gespielt hatte wie etwa Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowsky, Konrad Körner, Conny Bauer, Wolfgang Fiedler, Helmut Forsthoff oder Hansi Klemm. 

    

Abb.: Im Februar 1970 schaffte es Lenz sogar auf das Titelblatt des Jugendmagazins „neues leben“. Klaus Lenz Mitte der 70-er Jahre und während seiner Auftritte im Frühjahr 2010. Cover der 1976 erschienenen Amiga-LP „Aufbruch“.

Fotos: Wandelt, Rosenhain, Serfas, Archiv

Allein die Musiker, mit denen Lenz seit den 60-er Jahren musiziert und vor allem experimentiert hatte, hätten wohl den halben Saal gefüllt – darunter Manfred Krug, Reinhard Lakomy, Günther Fischer, Horst Krüger, Henning Protzmann, Sieghard Schubert, Peter Baptist, Hermann Anders, Günter Sommer, Uli Gumpert, Axel Glenn Müller, Hubert Katzenbeier, Joachim Graswurm, Hugo Laar tz, Eugen Hahn, oder Detlev Kessler. Sie alle gründeten später eigene Bands oder waren in renommierten Orchestern tätig. Denn wer durch die Lenz’sche Schule gegangen war, der hatte sich einen Namen erworben. Lenz nahm nur die Besten in seine wechselnden Big-Bands auf, förderte als „Talenteschmiede“ aber auch viele junge Leute.

Schon als Kind spielte der am 22. März 1940 in Berlin geborene Musiker Trompete. Er besuchte Musikschule und Konservatorium und begann seine Musikerkarriere 1959 im Orchester Eberhard Weise in Görlitz, wechselte bald schon zum Tanz- und Schauorchester Max Reichelt. 1961 gründete er seine erste eigene Band – das Quintett 61, danach ein Sextett. 1963 und 65 rief er seine ersten (legendären) Big Bands ins Leben, die die besten Jazz-Musiker der DDR vereinigten. Damals (1965) brachte Amiga die LP „Manfred Krug und die Modern Jazz Big Band 65“ heraus, 1970 folgte „Klaus Lenz für Fenz“, Mitte der 70er dann als Produkt der Fusion mit MSB als Konzertmitschnitt „Klaus Lenz- Modern Soul Big Band“. Die 1976 veröffentlichte LP „Aufbruch“ war die letzte Scheibe von Lenz in der DDR. Seit knapp 35 Jahren steht die Platte mit dem auffällig gestalteten Cover (Gesichter in Großformat auf der Vorderseite mit Lenz in der Mitte) in meinem Plattenregal, obwohl ich kein ausgemachter Jazzfan bin. Aber Lenz war eben Lenz – den musste man haben. „Er ist ein Unbequemer, als Mensch und als Musiker. Davon können alle ein Lied singen, die schon mal mit ihm zu tun hatten“, schrieb Werner Sellhorn damals.

Auch wenn sich Klaus Lenz vorrangig dem Modern Jazz widmete, war er ständig auf der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen in verschiedenen Stilrichtungen. Seine Big- Bands stellte er immer wieder neu zusammen, zuweilen nur für wenige Wochen oder eine Tour. Er komponier te aber auch im Pop-Bereich, begleitete Sänger wieEtta Cameron, Uschi Brüning, Christiane Ufholz, Manfred Krug oder Klaus Nowodworski. Er schrieb auch Filmoder Theatermusiken, etwa für die DEFA-Filme „Hochzeitsnacht im Regen“, „Dornröschen“ oder „Die Stülpner-Legende“, und sorgte mit dem Musical „Es waren zwei Königskinder“ am Greifswalder Theater für Furore.

Nachdem er „wegen fehlender künstlerischer Perspektiven“ 1977 die DDR verlassen hatte, produzierte er in der Bundesrepublik mit der Klaus Lenz Jazz&Rock Machine die LP „Fusion“. Nach „Sleepless Nights“ war dann Schluss. Von der Musik, die er machen wollte, habe er nicht mehr leben können, sagt Lenz. (Erst 2001 erschien bei Buschfunk wieder eine Scheibe mit Lenz - ein Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1977.)

Kurz vor seinem 60. Geburtstag heiratete Lenz nach neun „wilden Ehejahren“ seine Lebensgefährtin Gabriele, eine Studienrätin. Ob seine Rückkehr zur Bühne Anfang des Jahres einmalig bleibt, wird sich zeigen. Vielleicht hat er ja wieder Blut geleckt.

Ingeborg Dittmann