gelbke1.jpg Der Sommer des Lebens soll dauern
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke freut sich über fleißige Untermieter,
die Kater Karl und Toni und erlebte eine tolle Klassenfahrt nach Polen

Das Gefühl, der Sommer hätte sich schon verabschiedet, lässt sich nicht unterdrücken, vielleicht, weil alles schon passiert ist, was normalerweise im Spätsommer stattfindet – unser wunderbares Sommerfest der Schlagersänger zum Beispiel. Und nach den wenigen Hundstagen Mitte Juni brach der Sommer ziemlich schlecht gelaunt mit schweren Unwettern und Überschwemmungen über uns herein. Und, als hätte er sich durch seine Kraftprotzerei übernommen, hat er gleich noch den schlafenden Herbst wachgerüttelt und ihn sozusagen als Azubi zur Unterstützung mitgebracht. Prompt ist auch meine Heizung schon wieder angesprungen.

Und meine Tochter Paula, die gerade eine Sommergrippe auskurierte, meinte lakonisch, nun habe sie die eine Woche Sommer, die Deutschland jährlich zu bieten habe, auch noch im Krankenbett verbracht. Wie mein Freund Uwe, mein „Spätverlobter“, der sieben Mal in der Woche Spinat mit Spiegelei nebst meiner Bouletten essen kann. Aber bei ihm ist das mit dem Krankenbett eine viel schlimmere Geschichte, denn Uwe war mal wieder mit einem seiner „Neffen“ auf Reisen in Richtung Bangkok. Es passierte während des Fluges. Gerade als er aus der Toilette kam, kündigte der Kapitän Turbulenzen an. Uwe setzte sich brav auf den nächsten freien Sitz, den einer Stewardess, die ihn aber zurück auf seinen Platz scheuchte. Doch dann kam es sehr plötzlich, das Luftloch, Uwe wurde gegen die Decke geschleudert und just bei der Landung im Kabinengang zog die Maschine wieder nach oben. Ergebnis: Uwe hat zwei gebrochene Kniescheiben und ein gebrochenes Sprunggelenk, sitzt im Rollstuhl und ist zum absoluten Nichtstun verurteilt. So schnell kann es gehen. Man hört so was selten, aber man sollte bei jeder Flugreise darauf gefasst sein. Und in Europa ist unter dem Stichwort „Höhere Gewalt“ mit Schmerzensgeld und Schadenersatz nicht zu rechnen.

Inzwischen läuft unser Frankfurter Sommerprogramm wie geschmiert – die unermüdliche Uschi Pulley und Puppendoktor Pille sowie meine Studiengruppe zur DDR-Geschichte an der Fern-Uni Hagen waren da und können bestätigen, was mein Professor zu unserem „Oderhähne“-Chef Wolfgang Flieder sagte: „Das Programm ersetzt drei Vorlesungen zur DDR-Geschichte und zur Befindlichkeit in den neuen Bundesländern.“ Und es ist obendrein noch ein richtiger Sommerspaß. Aber ich plane ja schon die neuen Proben für die Herbst/Winter- Spielzeit und war auch schon in Leipzig, wo ich ab September immer montags Gesangsunterricht an einer Schauspielschule geben soll. Ja, vielleicht ist das ja die Alternative zum Schauspielern, was so herrlich jung hält – wenn dann mal irgendwann keine Angebote mehr kommen.

Meine Hobbits zu Hause haben inzwischen Rasen gemäht, Holz gehackt und nach Besuchen ihrer Mütter auch begonnen, ihr Bad zu putzen. Außerdem springen nun drei Katzen in meinem Haus herum, genauer gesagt: ich und zwei Kater – Karl, den ich adoptieren werde, ein vornehmer „älterer Herr“, und Toni, das Weichei, der sich mal wieder unterworfen hat, obwohl er eigentlich der Herr im Hause ist. Na ja, es soll auch unter Katzen Gastfreundschaft geben.

Apropos: Auch unsere jährliche Kabarett-Klassenfahrt haben wir schon hinter uns. In diesem Jahr ging es in die Kaschubische Schweiz und nach Danzig. Ich hatte ja darauf bestanden, dass wir uns – passend zu meinem Studienthema „Kolonialisierung als Landnahme durch Missionierung“ – die bombastische Marienburg als Sitz des Deutschen Ordens anschauen. Was keiner bereut hat. Die Hotels, ob mitten im Wald oder im Zentrum von Gdánsk, sauber und preiswert, in den Kneipen gutes Bier, traditionelle Küche (ich habe endlich mal wieder „Flecke“, also Kuddeln gegessen) und guter Jazz. Überall höfliche, gastfreundliche Menschen, die zwar kaum noch Deutsch sprechen, dafür aber Englisch. Und insgesamt kann man die Polen nur bewundern, wie toll sie die alten Städte wieder aufgebaut haben.

Und das Allerschönste: Es gibt sie noch, die wahre, ewige Liebe! Auch das haben uns zwei Polen demonstriert auf unserer Fahrt: Teresa und Waldeck, Putzfrau und Maurer, Freunde des Kabaretts sozusagen. Sie fuhren mit uns, und immer, wenn sie mit ihren schönen, vom Kirchenchor geschulten Stimmen am Lagerfeuer oder bei den Feten im Hotelzimmer für uns sangen, dann strahlten sie sich an wie Verliebte am ersten Tag - nach 38 Ehejahren. Tja, wenn ich mich dann so in unserer Runde umgesehen habe: Die deutschen Uraltpaare könnten sich da an den Polen ruhig mal ein Beispiel nehmen. Damit wenigstens der „Sommer des Lebens“ nicht so schnell vorüberrauscht. In alter Liebe

Eure Daggie