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Polka zu Samba-Rhythmen
Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke überdenkt ihr „Ossi-Leben“,
macht Thüringen unsicher und baut schon wieder ihr Haus um

Die Premiere unseres brasilianisch- brandenburgischen Programms „Ramba-Samba“ in Frankfurt (Oder) war wunderbar, dann gab es die berühmten Anfangsschwierigkeiten bei den Besucherzahlen, so dass unser Chef schon Vorstellungen absagen wollte – wegen des blöden Fußballs – aber wir haben uns durchgesetzt und auch für 30 Zuschauer gespielt. Denn wie hat es mir mein Vater in den 1960-ern eingebläut: „Und wenn nur zwei Zuschauer da sind, du musst spielen, als wären es 1000!“ Und nun läuft es richtig gut, denn es ist ein schwungvolles Programm, dem die politischen Bezüge nicht fehlen: vom miesen Geschäft mit Fußballern aus afrikanischen Ländern, dem Abholzen des Regenwaldes für die riesigen Stadien in Brasilien bis zum volkstümelnden Ulli Hoeneß-Versteher und randalierendem Fußball-Fan sowie einer Bundesregierungs- Fußballauswahl – alles wird kritisch beleuchtet. Am Ende tanzen die Zuschauer die sorbische Annemarie- Polka zu Samba-Rhythmen, mehr kann man eigentlich von einem Sommerprogramm nicht verlangen. Außer vielleicht jüngere Samba-Tänzerinnen als mich und Margit Meller, wie hinter vorgehaltener Hand in der Stadt Frankfurt angeblich gelästert wird.

Aber diese Mädels müssen erst mal gefunden werden. Ich lasse mich von so was ja nicht unterkriegen und habe nun den Kopf frei für den Endspurt in meinem Fernstudium in Hagen. Beziehungsweise ich hab ihn nicht wirklich frei, denn womit ich mich in diesem Semester beschäftige, betrifft so sehr mein – unser aller – vergangenes Ossi-Leben, dass es mir auch ohne Vollmond schlaflose Nächte bereitet. Weil ich schon damals nichts, aber auch gar nichts verstanden habe. Es geht um den Schriftstellerverband der DDR von der Gründung bis zu den Ausschlüssen bedeutender Autoren wie Stephan Heym im Jahre 1979. Was hatten wir für bedeutende Köpfe, die ihre Lebensaufgabe im antifaschistischen Widerstand und im Weltfrieden sahen, die den Kapitalismus und seine Profit orientierte Verdummungskultur genau analysierten und recht hatten, wie man heute sieht. Und nur, weil sie in der DDR, trotz aller Widersprüche, ihre Heimat sahen, einfach vergessen werden. Auch die, die später so genannte Dissidenten wurden. Übrigens hatte ich auch etwas ganz Anderes vergessen, nämlich wie schön Thüringen ist. Mit den „Oderhähnen“ waren wir mal wieder auf „Klassenfahrt“, diesmal in Saalfeld mit Besuchen der Feengrotten, Weimars und Erfurts. Und wir sind 13 Kilometer durchs Schwarzatal gewandert, von dem meine Mutter, also unsere Omi, die in diesem Monat übrigens schon acht Jahre bei den Engeln verweilt, ein Leben lang geschwärmt hat (dort fand wohl das berühmte „erste Mal“ statt). Von Touristenströmen kann man dort nur in den beiden Kulturstädten sprechen, ansonsten ist alles ruhig, sauber, beschaulich – und leider auch recht rechts gefärbt, obwohl selbst Dönerbuden schwer zu finden sind in dieser Gegend.

Meine Freundin Gaby aus Ballettschulzeiten hat für uns eine Stadtführung gemacht, in Erfurt habe ich mich mit meiner Halbschwester Hannelore getroffen, in Saalfeld hat mich meine Freundin Thea aus Wurzbach besucht, die ich lange nicht gesehen hatte. Hätten wir Eisenach noch geschafft, wäre Christian Schafrik unser Stadtführer gewesen. Na, beim nächsten Mal! Ist schon schön, überall jemanden zu kennen.

Ansonsten pflege ich jetzt, in der probenfreien Zeit, meine Baustellen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Das neue Dach ist immer noch nicht in Angriff genommen, obwohl mir die Bank deshalb ganz bestimmt demnächst den Kredit wieder wegnehmen wird. Dafür ziehe ich jetzt mit meinem Nachbarn unten im Keller eine Trennwand ein für meine vielen neuen Feriengäste, die über „airbnb“ zu mir kommen. Und bin sehr kreativ dabei. Aber das auszuführen, führte jetzt zu weit.

Und die andere Baustelle – meine körperlichen Gebrechen – sind laut Arzt gar keine: „Ihre Hüften sind wie die eines jungen Mädchens und dieser Schmerz beim Laufen gehört einfach zu Ihrem Alter. Machen Sie Yoga.“ Ja, Herr Doktor, mache ich doch, und? Tja, man muss die Krankheiten nehmen wie sie sind: Alzheimer oder Parkinson, ist doch egal: Entweder du verschüttest den Kaffee oder du weißt nicht mehr, wo du ihn hingestellt hast. In diesem Sinne, meine Lieben, bleibt gesund und fröhlich! 

Eure Daggie