gelbke1.jpg Noch viele leere Blätter zum Beschreiben
Für Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke ist die magische 65 Abschied und Neubeginn in einem. Doch sie hält es mit Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“

Meine Tochter Paula findet es toll, dass ich endlich Rentnerin werde. Hallo? Sie feut 5sich allen Ernstes jetzt schon auf ihr Rentnerdasein. Mit 36? Okay, für ihre Generation ist es vielleicht wirklich ein Traum, überhaupt noch in den Genuss einer Rente zu kommen. Es ist eigentümlich: Eigentlich ändert sich gar nichts, wie man meiner Juni-Kolumne entnehmen konnte - aber die Zahl 65 klingt zunächst einmal wie ein Endpunkt. Und wahrscheinlich ist sie ja, realistisch betrachtet, auch einer. Weil die Tatsache, Rentner zu sein, nun kein Scherz mehr ist und man doch komisch angeguckt wird von den jungen Kollegen, wenn sie erfahren wie alt man ist, auch wenn man nicht so aussieht. Es ist ein Abschied, 65 zu sein, und Abschied ist immer ein bisschen wie Sterben.

gelbke65.jpg

Aber ist Abschied nicht immer auch Anfang? Weil da ein leeres Blatt einer neuen Existenzform vor einem liegt, das man beschreiben kann, oder auch nicht? Ein bisschen ist es wie 1989. Aber nur ein bisschen. Vieles wurde wirklich anders, und wer so alt wie ich damals war, hatte die Chance, das neue Blatt im Buch des Lebens zu beschreiben. Ich habe sogar zwei Bücher geschrieben und mindestens 100 Kolumnen in dieser Zeitung. (Ja, die erste vor genau zehn Jahren im Juli 2005, der Titel lautete „Die Weltsicht von Frau Schulz“, und das hier ist die 111. Sie können  das in der Übersicht nachlesen -  Red.) Aber jetzt? Habe ich noch eine Chance, vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft zu sein? Oder werde ich nur noch geduldet wie ein Asylant? Wird noch Neues möglich sein, oder muss ich vom Vergangenen zehren? Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich Künstlerin wäre – also so eine, die ihre Kunst und sich selbst als etwas besonders Wichtiges empfindet. Aber ich war immer nur Dilettantin – im Goetheschen Sinne; eine, die ihr Hobby zur Berufung gemacht hat. Ich habe keine Reichtümer angesammelt und lebe immer noch wie eine Studentin mit meinen internationalen Untermietern auf engstem Raum. Im Moment kommen sie aus China, Elfenbeinküste und Magdeburg; ein Zustand, der einer Diva gar nicht zuträglich ist, wie manche meiner Freunde finden: „Was, Ihr benutzt die Toilette gemeinsam?“

Aber philosophisch betrachtet: Ist mein Leben nicht genau das, was dieses Bild von der ewigen Studentin aussagt? Wollte ich je Diva sein, sie also nicht nur spielen? Nein! Weil das etwas Fertiges gewesen wäre, das dann erstarrt, etwas, das dich zwingt, dein Image zu sein und nicht du selbst. Leben wie eine Studentin – das heißt, ich lebe wie am Anfang des Lebens. Als wäre noch alles möglich. Der Traum vom „Oscar“ mit 80 zum Beispiel.

Eine Illusion? Leider. Aber Wunder gibt es immer wieder. Schauen wir uns Gerti Möller an, die großartige Sängerin von „Als die Sonne kam, kamst auch Du“, die in der Horst-Krüger-Band 1972/ 73 meine Chefin war, die 1989 mit 59 Jahren in unserer „Musical Compact Show“ den Background Chor leitete, und die noch zu ihrem 80. Geburtstag vor fünf Jahren eigentlich niemanden mehr sehen wollte. Ich erinnere mich gut, dass sie vor ein paar Jahren alle Einladungen zu den Sommerfesten der Schlagersänger absagte, weil es ihr nicht so gut ginge. Sie wollte auch nicht dazu telefonieren. Und was liest man jetzt im „Kurier“? „Schlagerstar Gerti Möller mit 85 an den Broadway“! Ist das nicht wunderbar? Hey – wenn ich mir Gerti zum Vorbild nehme, habe ich noch zwanzig Jahre Zeit! Paula sagt, in dieser Zeit könnte ich sogar noch zwei Enkel ins Erwachsensein begleiten.

Ja, jetzt, da ich dieses schreibe, 22.30 Uhr, kurz nach Sommeranfang, da kommt mir diese 65, die ich für den 20. Juli in meinem Kalender zu stehen habe, wie der Beginn des Sommers und nicht des Herbstes vor. Jetzt kann zwar keine Saat mehr gesät werden, aber noch weiß man nicht wirklich, wie die Ernte ausfallen wird. Die Sommerabende sind lang und hell und warm. Na ja, jedenfalls im Süden. Man kann die Saat pflegen und wässern und schützen, man kann noch so vieles tun. Und Moment mal, wann sät man eigentlich Wintergetreide? Doch erst im Herbst! Na, da habe ich doch bald viel zu tun. Man weiß es ja: Rentner haben niemals Zeit! Packen wir’s an!

In tiefer Dankbarkeit für Eure Treue 

Eure olle Daggie