Musiklegenden des Ostens - jot w.d.-Serie, Teil 14

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorstellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser- also in den 50er, 60er und 70er Jahren - Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. sprach mit Julia Axen, Mary Halfkath, Jenny Petra, Hartmut Eichler, Vera Schneidenbach, Günter Gollasch, der Blues-Legende Jürgen Kerth, der Stern Combo Meißen und vielen anderen. Wir setzen unsere Serie heute mit dem Sänger Ingo Graf fort. Schreiben Sie uns, über welche Künstler Sie mehr erfahren wollen. Wir werden uns bemühen, Ihren Wissensdurst zu löschen.

Ingo Graf

Schlager singender Lehrer-Philosoph

Was haben Schlager mit Mathe oder Physik zu tun? Eigentlich gar nichts. Bei Ingo Graf (Künstlername), der vor 66 Jahren im  mecklenburgischen Gadebusch als Hartwig Runge geboren wurde, ist das anders. Sowohl die Musik als auch die Naturwissenschaft und die Philosophie begleiteten den studierten Mathe/ Physiklehrer, der über Güstrow  und Erfurt schließlich in Leipzig landete, bis ins "neue Deutschland". Mal dominierte in seinem Leben das eine, mal das andere.

 "Als junger Mann waren Applaus und Ruhm sehr verführerisch für mich. Also hängte ich den Lehrerberuf an den Nagel und ging auf die Bühne", erzählt der Sänger, der Mitte der 60er  Jahre durch Schlager wie "Allein wirst du das Glück nicht finden",  "Versuchs noch mal mit mir"  oder "Student in einer fremden  Stadt'' bekannt wurde.

 Nun, den "Student" nimmt man  dem Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater heute wohl nicht mehr ab, den "Rentner" aber auch noch nicht. Er ist agil, gesund und lebensfroh. Wer mit ihm  ins Gespräch kommt, wird unweigerlich von seiner Heiterkeit, seinem Optimismus angesteckt. Und  dass "ein Gespräch" mit Ingo Graf  zuweilen bis tief in die Nacht dauern kann, hängt wohl mit der philosophischen Ader des Querdenkers zusammen.

 

Ingo Grafs Autogrammkarte Mitte der 60er Jahre (re. oben) und beim Auftritt im Juli 2005 im Freizeittreff des Seniorenheims an der Einbecker Straße in Lichtenberg.

Fotos: Dittmann/Archiv

In den 80erJahren wurde der Sänger-Lehrer noch mal zum Studenten und schrieb sich an der Leipziger Uni im Fach Philosophie ein. Zu dieser Zeit war "die Singerei" für den Lehrer längst zweitrangig geworden. Nur als Ensembleleiter für Kinder und Jugendliche stand er gelegentlich noch auf und hinter der Bühne. Und das, obwohl er als Sänger und Moderator von. Fernsehreihen wie "Basar" oder "Schlager 67, 68 und 69" großen Erfolg hatte und mit Kollegen seiner Branche durch fast 30 Länder der Welt  tourte. "Trotzdem hatte ich mit zunehmendem Alter (und Verstand) das Gefühl, im falschen Beruf zu sein", reflektiert Graf heute seinen Rückzug von den Brettern, die den Ruhm bedeuteten, und seine Rückkehr in den Lehrerberuf. Da waren dann Schüler oder Eltern zuweilen leicht verunsichert: Sollen wir Sie mit Herr Graf oder Herr Runge ansprechen?

Das wusste er manchmal auch nicht so genau, weil er eben doch noch an der Singerei hing (am liebsten wäre er wohl ins Chansonfach gewechselt, sogar die große Sängerin Gisela May ermutigte ihn damals dazu). Titel wie "Ein Jahr ist ein Hauch", "Schatten" oder "Das Lied von den Rosen und den Träumen" schienen ein Schritt in diese Richtung. Die Entscheidung für den "soliden Beruf' war dann zwar ein finanzieller Abstieg, entsprach dem ".Denker" Graf-Runge aber wohl doch mehr. Nach der Wende zog er sogar vor Gericht, um den Lehrerberuf im vereinten Neudeutschland weiter ausüben zu dürfen.

Heute steht der sympathische 66-Jährige zu beiden Phasen seines beruflichen Lebens. Und so nennt er sich zuweilen scherzhaft "Hartwig Ingo Graf Runge" oder "Graf Runge". Und er steht wieder auf der Bühne, seit er in  Pension ging.  Und das - wie ich bei mehreren Veranstaltungen in Marzahn, Hellersdorf und Lichtenberg selbst erleben konnte- zur Freude vieler Zuhörer, die den Sänger Ingo Graf und seine Lieder noch nicht vergessen haben. Letztere brachten ihm dazumal  übrigens nicht immer Glück. "Pech für mich" hieß einer seiner Titel, der plötzlich in den Archiven verschwand. Weil darin die Zeile "Lotte-, Lotte- Lotterie, leider kein Gewinn" vorkam. Was wiederum Lotte Ulbricht zu Ohren kam. Und Lotte fand das gar nicht komisch...

Als "Widerstandskämpfer" fühlt er sich deshalb noch lange nicht, auch nicht als Nostalgiker, obwohl er bekennender DDR-Bürger war. Bei den Montags-Demos gegen Hartz IV ging er mit selbstgestaltetem Plakat auf die Straße: Der IV. HARTZ Infarkt ist tödlich! steht darauf.

"Ich lebe genau heute", sagt Ingo. Und so lautet eine seiner Lebensweisheiten denn auch: Man sollte sich immer in der Mitte des Lebens fühlen, ganz gleich wie alt man ist. Seine Mutter Gertrud Runge aus Gadebusch, die nach dem Krieg drei Kinder allein großziehen musste, starb im Oktober vor drei Jahren. "Sie wurde 96."

Ingeborg Dittmann

 

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