Sudoku als Anti-Aging und Gehirnwäsche auf Kaffeefahrt

Kabarettistin Dagmar Gelbke traf junge Seelenverkäufer und glaubt an ihre Unvernunft

Das mit dem Älterwerden geht auch an mir nicht spurlos vorüber, das muss ich leider zugeben, auch wenn ich jetzt wieder den flotten Männerhaarschnitt trage wie vor dreißig Jahren. Irgendwie kommen die großen Aufgaben abhanden und man beginnt, Zeit totzuschlagen…

Abgesehen davon, dass mein 57. Geburtstag ein rauschendes Fest war, so, als wär’s der 60. gewesen – drei Tage lang, weil wirklich alle, alle kamen – werde ich doch wunderlich. Zum Beispiel kaufe ich mir neuerdings für die Zugfahrt ins Sommertheater nach Frankfurt/Oder zusätzlich zum „Spiegel“ – „weil der so deprimierend ist“ (O-Ton meiner Tochter Paula) – Rätselzeitschriften. Ich habe Sudoku für mich entdeckt, es aber über die Anfängerstufe hinaus noch nicht geschafft. Und mehr als eins dieser Zahlengitter verkraftet das altersbedingt ermüdete Gehirn nicht, also versuche ich Kreuzworträtsel zu lösen – und fühle mich dabei stets ganz ungebildet.

Das Wunderlichste an meinem Älterwerden ist aber, dass ich auch noch an Preisausschreiben – unter meinem richtigen Namen – teilnehme. Neulich flatterte sogar ein Brief ins Haus, der mich zur feierlichen Gewinnübergabe einlud.

Aber an diesem Punkt erwachte mein Geist und wurde neugierig. Das hatte ich mir lange vorgenommen, einmal eine „Kaffeefahrt“ zu erleben. Ich fand auch eine ebenso neugierige Mitfahrerin, Marianne von Formentera, studierte Soziologin, die als alte West-68erin bisher auch niemanden überreden konnte, sich mit ihr in so ein Abenteuer zu stürzen. Es sollte also sein!

Wir wurden früh um sieben abgeholt und waren 21 Uhr zurück, und es hat mich kein einziger Mitreisender erkannt. Was ein weiterer Beweis ist, dass es mit mir abwärts geht. Und – natürlich – war nichts wirklich kostenlos, nicht mal die 5. bis 999. Preise, von denen ich ja angeblich einen gewonnen hatte: Eine Reise nach Polen mit Karel Gott als Stargast. Selbst dafür sollte ich 40 Euro für den Bustransfer löhnen.

Trotzdem, Marianne und ich möchten diese Erfahrung nicht missen, die darin bestand zu sehen, wie gut geschult diese jungen Seelenverkäufer sind. Sie sagen nichts Unwahres, sie schließen die Gäste auch nicht im Veranstaltungssaal ein, trotzdem saßen die älteren Herrschaften 12 Stunden brav an ihrem Platz und kauften, was das Zeug hält. Billigen Schmuck, überteuerte Töpfe und Anti-Elektro-Smog-Decken. Letztere kostet in der Apotheke angeblich 1900 Euro, was mit einem fingierten Anruf in der Hausapotheke eines Mitreisenden „bewiesen“ wurde. Natürlich wussten wir, dass dieser Anruf ein abgekartetes Spiel war. Erstens wurde er vom Handy des Verkäufers getätigt, zweitens meldete sich die „Apothekerin“ nicht mit dem Namen der Apotheke, und drittens wusste sie wie aus der Pistole geschossen den Preis der „zeitgemäß weiterentwickelten Rheumadecke“. Aber in dem idyllischen Spreewaldgasthof konnte man sie für 900 Euro kriegen – ich gebe zu, hätte ich das Geld gehabt, ich hätte sie ausprobiert – immerhin gab es dazu einen Kochtopfsatz, eine viertägige Ostseereise und eine Elektrosmog- Vermessung in der Wohnung. Gehirnwäsche vom Feinsten.

Letztendlich haben Marianne und ich eine Fleckenpaste für 10 Euro gekauft, die nun aber wirklich Klasse ist, ein US-Produkt. Ich habe sie zu Hause sofort ausprobiert und hoffe, endlich meine von Kater Toni verdreckten Teppiche wieder hinzukriegen.

Ach ja, und fünf Anti-Elektro- Smog-Chips für’s Handy á 5 Euro habe ich auch mitgenommen – u.a. als Geschenk für Paula, Elfriede und Margit. Wie gesagt, Gehirnwäsche vom Feinsten. Übrigens – das Preisausschreiben stand unter der Losung „Deutschland im Pisa- Wettbewerb“. Tja, wie dumm sind wir eigentlich wirklich?

Ich stelle mir vor, wenn diese Verkäufer- Typen (einer war so clever, uns zu sagen, was er an einem Tag mit uns verdient – 200 Euro pro Werbeprodukt plus Provision – um seine Ehrlichkeit zu manifestieren und Vertrauen zu schaffen) ihre Begabung für die Welthungerhilfe einsetzen würden, das wär’ doch was, oder?

Na ja, auf jeden Fall haben wir den idyllischen Ausflugsort Pretschen im Spreewald für uns entdeckt – Bootsfahrten abseits vom Touristenstrom, Eisbecher für 1,30 Euro im Gasthof Döring. Wie sagte Oma immer: Alles ist für etwas gut im Leben…

Ach ja, unsere Omi. Wenn sie noch gelebt hätte, hätte ich die Anti- Elektro-Smog-Decke für sie wohl gekauft. Ich wollte ja, dass sie mindestens 100 wird. Ich hätte dafür nichts unversucht gelassen. Wider alle Vernunft.

Drückt Eure Omis von mir!

Eure Daggie Gelbke