Du bist nicht allein ...

jot w.d.-Kolumnistin und Kabarettistin Dagmar Gelbke hat wieder Trubel im Haus

Hatte ich überhaupt schon berichtet, dass ich mein Haus bereits im Mai zur Jugendherberge umgestaltet habe? Meine Tochter Paula wohnt seit April wieder im Friedrichshain, dort, wo das Leben tobt, denkt aber bereits wieder über einen Umzug nach, in Richtung reiches West-Berlin. „Ich kann diese ewig saufenden Prolls in diesem Kiez hier nicht mehr ertragen, egal, wann ich das Haus verlasse, kommt mir eine Bierflasche entgegen.“ Und das aus dem Munde der Gewinnerin des Brecht-Wettbewerbs 2008 in Augsburg (Gewinnerin in beiden Kategorien übrigens: Original und Nachdichtung. Bin ich stolz auf mein Kind!)

Aber zurück in die Pension Mama geht erst mal nicht. Denn das Leben meint hartnäckig, ich solle nicht allein leben und hat mir zum einen René, einen 19-jährigen Schauspielschüler aus einem 200-Seelendorf in Franken, und zum anderen Cassie, eine 22-jährige Bauingenieurspraktikantin aus einem 200-Seelendorf im US-Staat Wisconsin, ins Haus geschickt. René ist ein gaaanz ordentlicher, fleißiger Junge, der zwar als Hauptziel seiner Berufsausbildung nicht Shakespeare, sondern eine Hauptrolle in „Marienhof“ anstrebt, aber mir vielleicht vormacht, wie man’s im Westen zur Karriere hätte bringen können. Mit gnadenlosem Buhlen um Kontakte nämlich. So, wie er mich dazu brachte, ihm eine preiswerte Wohnmöglichkeit in Berlin anzubieten, bringt er Leute wie Jaeckie Schwarz, Bodo Fürneisen, Regina Ziegler und viele, viele andere, deren Adressen er irgendwie herauskriegt, dazu, ihn vielleicht auf Casting-Listen für Film- und Fernsehproduktionen zu setzen.

Cassie wiederum ist ein gaaanz sonniges, blondgeschopftes Engelchen von 1,78, das für sechs Wochen ein Praktikum beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Adlershof macht. Jeden Abend kocht sie irgendetwas verdammt Gesundes – Gemüse, Gemüse, Gemüse – und räumt die Küche ordentlichst auf, es ist unglaublich. Wir reden statt Deutsch (das zu lernen sie herkam) Englisch, schauen „Herr der Ringe“, „Star Wars“ und die wunderbare „Mamma Mia“-Verfilmung, und bei Heimweh macht sie uns dazu PopCorn in der Bratpfanne.

Eines schönen Wochenendes war dann auch ihre Schwester hier, die braungeschopfte Kopie von Cassie, die bereits als Bauingeneurin in Dänemark arbeitet. Ich habe die beiden nach Dresden gekarrt, sie dort in einen Tourbus gesetzt und mich selbst mit meinem alten Freund Eberhard ans Elbufer zum Kaffeetrinken.

Urlaub zuhause bringt auch neue Erlebnisse

Der Osten ist schön im Sommer. Nicht nur in Dresden, nein, auch im Spreewald. Damit sollte man sich trösten, wenn man, wie ich, zu den 38 Prozent der Deutschen gehört, die sich in diesem Jahr keine Urlaubsreise leisten können, sei’s wegen der Steuerfahndung wie bei mir oder aus anderen Gründen. Ich habe es durch Cassie endlich geschafft, zum ersten Mal in meinem Leben eine Fahrt im Spreewald-Kahn zu machen; wunderbar. Lübben war nicht überlaufen, die Preise (zwei Stunden 8 Euro) erschwinglich, der Gondoliere köstlich: „Kennen Sie den schon? Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“

Man schaut sich viel zu selten um im eigenen Land. Auch in Berlin. Neulich holte ich mein Kind ab, das ja neben seiner Poesie-Karriere auch in einem der großen Hochhäuser am Potsdamer Platz arbeitet und musste, was sonst nie passiert, auf sie warten. Was ich nutzte, um dortige Eis-, Kaffee-, Torten- und Speisenpreise zu studieren. Eine Eiskugel 1,20 Euro! Also ehrlich, da kann es das beste Eis der Welt sein, das kaufe ich nicht. Wir sind dann zum „Cubix“-Kino am Alex gefahren und durch’s Nikolaiviertel und die Rathauspassagen geschlendert. Kaum ein Speiseangebot über 10 Euro, Erdbeeren mit Vanilleeis und Sahne für 3,10 und nicht für 6,50 wie am Protzdamer … Guck an, der Osten lohnt sich doch! Die „prollige Atmosphäre“ allerdings inbegriffen. Schade, oder?

Für emails (yellow.dg@arcor.de) und Leserbriefe zu diesen und anderen Themen wäre ich dankbar. Übrigens: Seit drei Jahren schreibe ich hier an dieser Stelle und hatte noch nicht eine Leserzuschrift, darüber muss ich mich jetzt aber mal beschweren!

Herzlichst, Eure Daggie