Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 49 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Gruppe electra  fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

electra

 

Fast 40 Jahre Kunst- und Klassik-Rock

Die Dresdner Band electra, 1969 von fünf Absolventen der Dresdner Musikhochschule „Carl-Maria von Weber“ gegründet, zählt zu den „dienstältesten“ Rockbands Deutschlands. Drei von damals sind heute noch dabei – Bandleader Bernd „Putz“ Aust (sax, fl, keyb), Wolfgang „Kudel“ Riedel (bg) und Peter „Mampe“ Ludewig (dr. voc). Letzterer steht nach 12- jähriger Trennung von der Band nun seit einigen Jahren als Gast bei electra-Konzerten wieder mit auf der Bühne. Und wenn die Fans nach dem „Grünen Esel“ rufen, stülpt er sich eine Eselsmaske über und intoniert die Gellertsche Fabel fast wie damals vor 32 Jahren. Damals, Mitte der 70er, war die Dresdner Band eine der interessantesten und experimentierfreudigsten „Beatgruppen“ der DDR. Mehr als 60 eigene Songs hatte die Band damals schon in den Studios des DDR-Rundfunks produziert, bis 1974 endlich die erste Platte bei AMIGA erschien.

Bis zur Wende sollten sechs weitere folgen, darunter auch 1976 die Klassik-Adaptionen mit dem „Säbeltanz“, der „Borodin Suite“ oder dem „Türkischen Marsch“. Einer der Höhepunkte in der Bandgeschichte war zu ihrem 10. Geburtstag die Aufführung der Rock- Suite „Die Sixtinische Madonna“ im Dresdner Kulturpalast (Text Kurt Demmler). Die Band hatte sich schon immer stark mit ihrer Heimatstadt Dresden identifiziert. Und die Idee, das berühmte Gemälde von Raffaelo Santi zum Thema für ein musikalisches Werk zu machen, hatte der Ur-Dresdner Bernd Aust.

Eine der seltenen alten Farbaufnahmen zeigt electra auf Dresdens Elbterrassen. Die Ruine der Frauenkirche (re.) existiert nicht mehr. Heute (li.) hat die Gruppe einen Musiker mehr. Das Log

Fotos: Archiv

Von Demmler stammt auch der Text für ein anderes berühmtes electra-Werk – den Song, besser gesagt die Hymne „Tritt ein in den Dom“. Doch die Kulturoberen verbannten den Song aus den Rundfunksendern. Die Begründung: Man werbe mit diesem Titel für den Eintritt in die Kirche. So ist dieser relativ früh entstandene Song auch nicht auf der ersten Platte zu finden, live wurde er freilich gespielt. Und noch heute werden wie in alten Zeiten Kerzen und Feuerzeuge entzündet, wenn Stefan Trepte (der zeitweilig auch bei Lift und Reform war) mit seiner unnachahmlichen Stimme den fünfminütigen Kulthit anstimmt. Doch auch eine Reihe weiterer Lieder sind und bleiben unvergesslich – von „Nie zuvor“ über „Wenn die Blätter fallen“ bis zu „Das kommt, weil deine Seele brennt“. Noch etwas Anderes begleitete die Band von Anfang an, ihre Verehrung für Jethro Tull.

Wenn Aust zur Querflöte greift und die „Ian-Anderson-Stellung“ einnimmt, wissen Eingeweihte: Jetzt kommt „ Locomotiv breath“ der schottischen Gruppe Jethro Tull. Aust, nach der Wende im Hauptberuf selbst Konzertveranstalter, erinnert sich: „Als ich die Schotten zum Konzert nach Dresden holte und Anderson die electra-Version seines Songs vorspielte, war er so beeindruckt , dass wir als Vorband des Tull-Konzertes in Kamenz engagiert wurden.“ Eine Entscheidung, die der Meister bereut haben mag. Das Publikum liebte Austs Querflöte mehr als die des Schotten. So legte Veranstalter Fritz Rau electra nahe, im Folgekonzert auf ihren Auftritt zu verzichten. Der große Ion Anderson fürchtete die Konkurrenz.

Nach der Wende hatte sich die Band zunächst aus dem professionellen Geschäft zurückgezogen. Damals wollte ja kaum noch einer Ostkünstler hören. Plötzlich stand die (musikalische) Welt offen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis das Publikum erkannte, dass viele Ostrockbands viel professioneller waren als ihre Westkollegen, vor allem mit den deutschsprachigen Texten viel näher dran waren am Leben. So kehrte auch electra wieder auf die Bühne zurück, produzierte inzwischen auch etliche neue Alben. So veröffentlichte BMG aus Anlass des 35. Geburtstages der Band im September 2004 eine Box mit 8 CD‘s. Wie schon der 33. wurde der 35. Geburtstag groß mit Konzerten im ausverkauften „Alten Schlachthof“ Dresden gefeiert (DVD „Live aus dem Alten Schlachthof“), mit ehemaligen Mitstreitern und Studienkollegen wie Reinhard Lakomy, Conny Bauer oder Gisbert Koreng. Und auch ein paar „vergessene Songs“ gelangten nun zur Aufführung und wurden auf CD gepresst („Der aufrechte Gang“). Bernd Aust: „Wir hatten die Titel 1989 gemacht, im Zuge der Wende liegen gelassen und dann irgendwie vergessen.“

Seit einigen Jahren ist electra gemeinsam mit Lift und der Stern Combo Meißen als „Sachsendreier“ auf Tour. electra spielt seit 1996 in unveränderter Besetzung mit Bernd Aust, Wolfgang Riedel, Andreas Leuschner (keyb), Ekkehard Lipske (g), Falk Möckel (dr) und als Solisten Stefan Trepte und Peter Ludewig.

Ingeborg Dittmann

Am 23. August, ab 18.30 Uhr spielt electra auf der Parkbühne Biesdorf, am 6. Dezember 2008 im Postbahnhof.