Acht Knödel zum Geburtstag

Kabarettistin und jot w.d.-Autorin Dagmar Gelbke sucht „verrückte“ Senioren, verbringt ihren Geburtstag auf der Moldau und ärgert sich über musikalischen Klangbrei

Das Wichtigste zuerst: Ab Oktober 2009 soll ich im Tschechow- Theater in der Mehrower Allee am S-Bahnhof Ahrensfelde ein Senioren-Kabarett aufbauen. Alena Gawron, die rührige Theater- Chefin, hat mich lange schon genervt, nun hat sie es geschafft: Immer montags von 10 bis 14 Uhr, wollen wir uns treffen. Unser erstes Programm soll ein Weihnachtsprogramm sein, das am 18. Dezember seine Premiere haben soll. Vorausgesetzt, Fördergelder stehen zur Verfügung. Nun sind wir ja doch inzwischen alle Optimisten geworden – hätten wir sonst trotz Bankenkrise und S-Bahn-Chaos einfach so weiter gelebt? Und deshalb findet das „Casting“ für interessierte Menschen jenseits der 50 (wir nehmen es mit dem Alter nicht so genau!) am 15.September 2009, 10 Uhr, auf genannter Bühne statt. Anmeldungen bitte unter Telefon 93661078. Mitzubringen sind Texte oder ein Lied, die vorgetragen werden sollen. Gesucht werden wache Geister mit Humor und Wut über die herrschenden Zustände, die genug Elan verspüren, das satirisch auszudrücken. Am liebsten wäre mir, wenn sie das auch noch in witziger Form aufschreiben könnten. Aber auch fröhliche Leute, die einfach nur singen, rezitieren und miteinander spielen wollen, sind willkommen. Vielleicht gibt es unter den Lesern dieses Artikels auch Musiker, die die „durchgeknallten Alten“ (Hoppla, wäre das vielleicht ein Name für dieses noch ungeborene Baby?) auf Akkordeon, Klavier, Gitarre oder sonstigem Instrumentarium begleiten wollen? Ich bin sehr gespannt, ob wir eine verrückte Truppe zusammen kriegen und freue mich schon sehr auf die Arbeit!

Die Goldene Stadt neu entdeckt

Inzwischen habe ich das Glück gehabt, auf der jährlichen „Klassenfahrt“ meiner „Oderhähne“ meinen Geburtstag auf der Prager Burg zu feiern. Zuvor hatte ich acht Knödel auf einen Streich im „U Flecku“ verzehrt, und hineingefeiert wurde auf einem Jazz- Boot auf der Moldau. Um Mitternacht wollten unsere romantischen Männer für mich sogar Lichterballons in den Himmel der Goldenen Stadt schicken – aber leider kam plötzlich Sturm auf, was das Vorhaben verhinderte. Nun könnte ich natürlich sagen: Es war ein Omen. Mein beruflicher Aufstieg wird weiter auf sich warten lassen. (Dabei bin ich letztens Brad Pitt begegnet, wie er in Kreuzberg Rad fuhr, hätte ihn doch bloß anfahren müssen, dann wäre ich in die Schlagzeilen gekommen.) Aber allein die Idee trieb mir Tränen der Rührung in die Augen. Schöner kann es nicht werden, deshalb habe ich beschlossen, ab sofort keine Geburtstage mehr zu begehen. Will sagen, der 60. im nächsten Jahr wird einfach nicht stattfinden!

Ich habe viel Zeit meines Lebens in Prag verbracht, zum einen habe ich bei Prof. Towen, der auch Jiri Korn und Helena Vondrackova unterrichtet hatte, meine Steptanz- Fähigkeiten erweitert, gemeinsam mit Helga Hahnemann. Zum anderen bin ich dort in den berühmten Varietés aufgetreten – hieß eines davon nicht „Lucerna“? Paula ist dort sogar einen Monat lang in den DDR-Botschaftskindergarten gegangen. Aber jetzt kam es mir so vor, als hätte ich diese Stadt noch nie betreten. Es war eine echte Entdeckung. Ist man denn blind, wenn man jung ist?

Auf der Rückfahrt haben wir dann gleich noch Dresdens „Panometer“ besucht – ein altes Gasometer, in dem der Leipziger Iraner Asisi ein 27 Meter hohes Panorama von Dresden anno 1756 errichtet hat. Muss man gesehen haben; sieh, das Gute liegt so nah! Dort erlebt man, wie Computeranimation zu wahrer Kunst wird. Die Detailarbeit des Künstlers hat mich tief berührt, fast genauso wie die wieder zusammengesetzten Mosaikarbeiten der alten Griechen und Römer an Orten wie dem Palast von Minos auf Kreta.

Nicht alles, was teuer, ist auch gut

Am Abend durften wir dann noch die Semper-Oper besuchen und „Porgy and Bess“ im Original von 1935 (worauf die Gershwin-Erben neuerdings bestehen) erleben. Trotz Standing Ovations der Dresdner – na ja, die Karten sind teuer, also muss es gut sein, und aus Amerika, vom Harlem Theatre in New York, kam es auch – kann ich verstehen, dass die Oper damals verrissen und ein Verlustgeschäft wurde. Ein einziger musikalischer Brei, was die Dynamik des Orchesters betraf, 37 schwarze Sänger auf der Bühne, deren Chöre aber auch gar nichts von Gospel oder Blues transportierten, wie man es eigentlich erwartet hätte. Wie viel Jazz hat doch damals Manfred Krug „Unter den Linden“ in die Inszenierung eingebracht! Und die stimmgewaltigen Sänger nervten mich wie singende Sägen, denn entgegen allen Gesetzen der Sangeskunst wurden die Töne, schon bevor sie überhaupt zum Tragen kamen, ins Vibrato umgewandelt. Mein Kollege Bob Lehmann, der zum ersten Mal in seinem jungen Leben (28) in der Oper war, will nie wieder ein Opernhaus betreten.

Ja, so ist das mit der Kunst im Allgemeinen und Besonderen. Jedenfalls war ich drei Tage unterwegs und es war wie der Urlaub, den ich ja in diesem Jahr ausfallen lasse. Da können mich auch die Urlaubsdienstfahrten unserer Ulla Schmidt und die doch – wie ich finde – gut geregelten S-Bahn- Ausfälle eine Weile lang nicht aufregen. Dann schon eher der dritte Zeckenstich dieses Sommers, wo ich doch nie zuvor im Leben einen hatte. Ist man denn für dieses Viehzeug anziehender im Alter?

Bleibt alle schön gesund; Hände öfter als sonst waschen, wegen der Schweinegrippe und überhaupt!

Das rät Eure Daggie

jot w. d. gratuliert an dieser Stelle nachträglich und nutzt die Gelegenheit zu einem öffentlichen Dankeschön, ganz sicher auch im Namen unserer Leser, für die vielen lebensnahen Betrachtungen der Welt im Großen und im Kleinen.