Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 60 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit der Sängerin Veronika Fischer fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Veronika Fischer

 

Kein liebes Schmusekätzchen

 

Ist von „der Fischer“ die Rede, fallen fast jedem ad hoc solche Lieder ein wie „Auf der Wiese haben wir gelegen“, „In jener Nacht“, „Klavier im Fluss“ oder„Dass ich eine Schneeflocke wär“. Vielleicht noch der „Sommernachtsball“ oder der „Blues von der letzten Gelegenheit“. Das ist ein bisschen ungerecht. Folgten danach doch mehrere Dutzend Songs, dokumentiert auf zahlreichen LP und CD ( „Goldene Brücken“, „Sehnsucht nach Wärme“, „Spiegelbilder“, „Tief im Sommer“, „Dünnes Eis“ und aktuell „Unterwegs zu mir“), auf denen wunderschöne Lieder zu hören sind. Doch mit erst genannten Liedern sind wir aufgewachsen, man hörte sie tagtäglich im Radio, in Fernsehshows und live auf der Bühne. Außerdem waren sie Veronika Fischer quasi auf den Leib geschrieben – von ihrem Stammkomponisten Franz Bartzsch und ihren Textern Kurt Demmler und Ingeburg Branoner. (Zum oft auch gern mal im Freundeskreis angestimmten „Wiesenlied“ schrieb Bettina Wegner den Text).
 Zitat Fischer anno 1979: „Die emotional außerordentlich spannungsvollen Kompositionen von Franz Bartzsch, verbunden mit den gedanklich und sprachlich sehr anspruchsvollen Texten Kurt Demmlers sind genau die Aufgabe, die ich mir wünsche. Sie fordern meine interpretatorischen Fähigkeiten heraus.“

Als ihr Komponist und Chef ihrer Band „4 PS“ 1980 in den Westen ging, war das ein unwiederbringlicher Verlust, für die Rock-Szene der DDR, vor allem aber für Veronika Fischer. „Ich durfte seine Songs nicht mehr singen, eine künstlerische Katastrophe für mich“, erinnert sich die Sängerin. Als wenig später ihr ungarischer Mann Laszlo mit ihrem kleinen Sohn Benjamin (geb. 1979) in West- Berlin blieb, beantragte sie ein Ausreisevisum. Was einem Karriereknick gleich kam.

Die selbstbewusste, starke und sensible Sängerin, mit einer Stimme, die sich mühelos zwischen Rock, Pop, Chanson und Blues bewegt, passte nicht in das kommerzielle Schema der westlichen Showbranche. Und das Image vom „lieben, weichgespülten Kätzchen“ ließ sie sich nicht überstülpen. Kompromisse lagen und liegen ihr nicht. Nur langsam erobert sie sich in den Folgejahren wieder die Bühne, mit Liedern, hinter denen sie stehen kann. Den Schritt von Ost nach West habe sie dennoch nie bereut, sagt sie später. Und doch hat sie ihre Wurzeln nicht vergessen. „Da war ein Land... Habs geliebt, habs gehasst, doch nie war es mir gleich...“

Nach dem Mauerfall ist sie eine der ersten Künstler aus der DDR, die wieder im Osten auftreten. Zuerst in Klubs auf kleineren Bühnen, dann auch bei größeren Events wie „Ost-Rock in Klassik“. Von Beginn ihrer Karriere an hatte die aus Thüringen stammende Sängerin schon immer die besten Musiker des Landes um sich gescharrt. Von Franz Bartzsch, Frank Hille und Johannes Biebl über Thomas Natschinski, Hans-Jürgen Reznicek und Christian Pittius bis zu Axel Stammberger, Andre Gensicke oder Andreas Bicking. Schon während ihres Studiums an der Dresdner Musikhochschule (Diplom im Fach Chanson und Musical 1973) sang sie in verschiedenen Bands – 1970/71 in der Stern Combo Meißen, 1971 bis 73 bei Panta Rhei, die Band, aus der sich später Karat formierte. Ab 1974 war sie als Veronika Fischer & Band unterwegs.

Abb.: Veronika Fischer als 19- Jährige bei der Stern Combo Meißen, mit „4 PS“ auf dem Plattencover von 1977 und 2007 bei der Geburtstagsfeier ihres Managers Wolfgang Schubert.

Fotos: nl-Archiv, Dittmann

Doch eigentlich hatte die musikalische Karriere der Fischer, die in diesen Tagen 58 wurde, schon viel früher begonnen. Mit 9 stand sie zum ersten Mal auf einer Bühne – das war in der Schänke der kleinen Gemeinde Wölfis in Thüringen. Sie war mit drei Schwestern in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen, wo Hausmusik noch zum guten Ton gehörte. Im Ort gab es Blasorchester und Chor und jedes Jahr wurden musikalische Wettbewerbe ausgetragen. Ihr Talent fiel auf, so war der Schritt von der Musikschule Weimar zur Hochschule in Dresden vorprogrammiert. Was danach kam, ist bekannt und u.a. auch in dem Buch von Gisela Steineckert „Diese Sehnsucht nach Wärme“ nachzulesen.

Seit einigen Jahren wohnt Veronika Fischer in Berlin-Schmargendorf. Sie wurde 1996 nach 23-jährige Ehe geschieden und ihr mittlerweile 30-jähriger Sohn Benjamin betreibt eine Internet-Agentur.

 Ingeborg Dittmann