Plattenbauten im Mittelpunkt

Zehn Jahre jot w.d. – Der Rückblick – Das Jahr 2002

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Nach der Wahl ist vor der Wahl, doch anders als in diesem Jahr (erst Bundestag, dann Berlin) ging es vor vier Jahren genau anders herum. Gerade war in der Hauptstadt die Regierung angetreten, mussten die Rot-Roten Koalitionäre schon wieder ein klein wenig Anti-Stimmung verbreiten. Was aber sind Wahlen zu deutschen Parlamenten im Vergleich zu den wirklichen Problemen des Alltags? "Gebt der Platte eine Chance", forderte WoGeHe-Chef Rudi Kujath in einem eigens für jot w.d. verfassten Beitrag und stellte erneut seinen Wunsch nach Umbau von Elfgeschossern in Terrassenhäuser ins Zentrum. Kujath wurde bis heute nicht erhört.

Ganz anders, als es in Marzahn Nord geschah. Dort wurden nur zehn Monate später die ersten Terrassen-Planungen vorgestellt. Dass sie erst nach langem zähen Ringen - insbesondere der Bewohnerschaft - umgesetzt werden konnten, lesen Sie in den kommenden Rückblicken.

Kujaths Idee jedenfalls war und ist dem Senat zu teuer. Dabei hatte er doch zum Jahreswechsel 2002 ein glänzendes Geschäft mit dem Verkauf der WBG Marzahn an die (ebenfalls städtische Wohnungsgesellschaft) Degewo gemacht. In der Kasse klingelte ein einsamer, dafür ganz fetter Euro.

Auf dem Titel der Dezemberausgabe 2002 zeigte Sandmann, wohin die Reise geht.

Terrassenhäuser für die Großsiedlung: In Hellersdorf blieben sie bisher ein Traum, in Marzahn Nord wurden sie verwirklicht.

 Fotos: Dittmann (2), Nachtmann (6)

Überhaupt standen im Jahr 2002 (auch in jot w.d.) die Plattenbauten im Mittelpunkt. Da stellte etwa eine Konferenz das "multimediale Wohnen in intelligenten Plattenbauten" vor. Dass der Weg von der ferngesteuerten Wohnung zum ferngesteuerten, gläsernen Menschen ziemlich kurz ist, schrieben damals nur wir.

 

Freude hingegen kam im Februar beim Stadtrat für Bürgerdienste, Svend Simdorn (der uns bekanntlich nach der Wahl verlässt), auf. Er hatte dem Senat 360 000 Mark (noch Mark) als Anschubfinanzierung für ein neues Bürgeramt an der Marzahner Promenade abgerungen. Überhaupt die Bürgerämter: Unser Bezirk ist darin Vorreiter für ganz Berlin, und daran hat auch Simdorn großen Anteil. Ein kleines Danke, wie es etwa der zuständige BVV-Ausschuss regelmäßig fallen lässt, ist angebracht. Denn noch im Jahr 2002, im Dezember, eröffnete auch das neue Bürgeramt im Havemann Center in Marzahn Nord.

"Von Leinefelde lernen heißt siegen lernen" ist bis heute meine Lieblingsüberschrift in jot w.d. - zumindest in Bezug auf die Debatten um die Großsiedlungen. Gleich mehrere große Foren zum Stadtumbau prägten das Bild der Zeitung. Dabei kamen selbst Fragen wie "Gibt es eine Ästhetik der Platte?" zur Sprache.

Als Teil des Kunstprojektes "angeeckt" organisierte der Kinderkeller Marzahn eine "Straßenbahn(ver)führung" mit Bürgermeister Uwe Klett als "Reiseleiter ", die auf unseren Bezirk aufmerksam machen sollte.

Klar war von vorn herein, dass reiner Abriss keine Lösung ist, dass nebenbei auch immer Aufwertungen, Verbesserungen - etwa durch veränderte Grundrisse - erfolgen müssten. Dem "Vorbild Leinefelde" gibt es aber noch immer eine ganze Menge abzuschauen.

Geprägt war die zweite Jahreshälfte u.a. vom monatelangen Streit um die "bunten Häuser" am Blumberger Damm. In der Debatte wurde sogar Friedensreich Hundertwasser bemüht. Später, nach einigen Eskalationen, endete das Ganze mit einem Kompromiss. Hundertwasser stand andererseits Pate für die Schüler der Erasmus-von-Rotterdam-Oberschule, die sich bei der Umgestaltung ihrer einst so tristen Cafeteria vom Wiener Ausnahmekünstler inspirieren ließen.

Die Steine für den japanischen Garten kamen aus dem Erzgebirge.

Fernöstliche Inspiration wiederum brachte Shumyo Masuno, 49 -jähriger Zenpriester in 18. Generation nach Marzahn. Er stellte im Mai seine Pläne für die Gestaltung eines Japanischen Gartens im Erholungspark vor. Bereits ein halbes Jahr später konnten interessierte Besucher verfolgen, die der zweite von mittlerweile fünf "Gärten der Welt" Gestalt annahm.

Dass jot w.d. auch sonst nicht von der Welt abgeschnitten agiert, zeigten wir, als im Mai zwei unterschiedliche Autoren gleichzeitig zu einem der drängendsten Probleme der Gegenwart zu Wort kamen. Ein Jude und ein Palästinenser schrieben zum Nahost-Konflikt. Ihr Fazit war, dass es sich um einen von Politikern angeheizten Konflikt handelt, dem sich die "einfachen" Menschen kaum zu entziehen vermögen. Einig waren sich beide, dass es ohne einen Staat Palästina niemals ein Ende des Krieges geben wird.

Das Ende des Wonnemonats überschattete die traurige Nachricht vom Tod Charlottes. Wenige Wochen zuvor begleiteten wir sie noch in den Schlössern Altranft und Dahlwitz.

Auch der Juni ließ Großsiedlungsprobleme nicht beiseite. Im Wohngebiet an der Marzahner Südspitze wurde ein Gebietsbeirat installiert. Die Bewohner sollten mitreden können. Es gab hitzige Debatten um angeblich rassistische Vermietungsanzeigen einer Hellersdorfer Wohnungsgenossenschaft. Die wollte nur deutsch sprechende Mieter, folglich hagelte es Proteste, bis sich nach einer Entschuldigung die Wogen wieder glätteten. Proteste gab es aber auch im Siedlungsgebiet. Bewohner versuchten im Juli, sich gegen immer mehr Mobilfunk-Sendemasten zu wehren. Wenige Wochen später machten Eltern und Kinder mobil, um eine drohende Schließung der Schillerschule abzuwenden. Dabei war doch der endgültige Totenschein (in Form der Streichung aus der Investitionsliste) für das Mahlsdorfer Schuldorf mittlerweile eingegangen. Einen Totenschein hat jot w.d. auch für die von Stadtentwicklungsdezernent Heinrich Niemann fest versprochene Abbiegespur der Hönower Straße an der Kreuzung Alt Mahlsdorf ausstellen müssen. Deshalb staut sich bis heute der Verkehr manchmal Hunderte von Metern. Danke für so viel Weitsicht. Und besorgte Bürger fragten, was denn nun mit der geschlossenen Schule an der Bausdorfstraße werden solle. Zumal Gerüchte gestreut worden waren, sie solle in ein Asylbewerberheim umgebaut werden. Seit wenigen Wochen ist das Haus zerschmettert.

Vier Jahre lang stand die Schule an der Bausdorfstraße leer, bevor sie jetzt abgerissen wurde.

Noch einmal zu den Plattenbauten. Die Redaktion von jot w.d. suchte selbst auf dem (nur alle drei Jahre stattfindenden) Weltarchitekturkongress nach Antworten. Dort zeigte sich eine globale Tendenz zu mehr Bürgerbeteiligung in allen Fragen von Architektur, Städtebau und Stadtplanung. Da kann man hier noch eine ganze Menge lernen. Im Übrigen hat es jot w.d. im Streit um die "bunten Häuser" nicht mit ortstypischen Meinungen bewenden lassen, sondern eine Spezialistin aus England, die Architektin Doerte Stollberg-Barkley, befragt. Ihr Fazit: Die Häuser brauchen mehr Individualität.

Trauer in Mahlsdorf: Das Sandmännchenstudio wird abgerissen.

Wer nun gedacht hatte, das Jahr 2002 ginge mit lauter positiven Nachrichten zu Ende, der muss enttäuscht werden. Zwar wurde etwa eine Hellersdorfer Jugendband zu einem europaweiten Rock-Projekt in die Schweiz eingeladen, zwar wurde das Projekt "Eastgate" vorgestellt, zwar riss die WoGeHe nicht nur ab, sondern baute in Kaulsdorf Nord sogar noch oben drauf (nämlich zwei Türmchen für vier Maisonette-Wohnungen), zwar wurde die Turnhalle an der Dessauer Straße nicht abgerissen, sondern vom Boxring Eintracht in ein Faustkampfzentrum verwandelt, zwar gab es den ersten (damals noch kleinen) Wirtschaftspartnertag, zwar wurden die Terrassen in Marzahn vorgestellt, zwar wurde ein erstes Konsolidierungskonzept für den Bezirkshaushalt erarbeitet - doch am 22. November, genau am 43. "Geburtstag" eines der wohl berühmtesten "Ossis", wurde seine alte Heimstatt, nämlich das Sandmännchenstudio am Hultschiner Damm zugunsten eines weiteren ALDI abgerissen.

Kinder, liebe Kinder, das hat kein' Spaß gemacht.

Ralf Nachtmann