Der melancholische maurische Geist

Kabarettistin und jot w.d.-Kolumnistin Dagmar Gelbke verbringt ihren 60. im Mondschein unterhalb der Alhambra und verpasst ihren Auftritt als Großfürstin

Zunächst einmal erbitte ich Glückwünsche, nicht zum Geburtstag – die habe ich reichlich bekommen von all meinen Freunden und Kollegen, die mit mir mehrere rauschende Feste gefeiert und mir dabei auch noch eine fette Anzahlung für ein neues gebrauchtes Auto finanziert haben! Nein, Glückwünsche für meine Klausur in Literaturwissenschaften. Ich habe sie mit der Note 2,3 bestanden!

Nun steht die nächste im September an und ich muss über Literaturepochen und Literaturtheorie brüten. Habe somit eigentlich für nichts anderes Zeit. Aber das Märchen von Granada, das aus heutiger Zeit, will ich schon erzählen.

Beinahe wollten meine Tochter Paula und ich wegen der Hitze umbuchen auf Edinburgh, aber „wetter.de“ prognostizierte graue 18 Grad mit Regen für Schottland, und so ging es dann doch per Mietwagen von Malaga aus 120 km in Richtung Sierra Nevada. In einem Fischerdorf machten wir Zwischenstopp - mit schwimmen im Meer und Fischessen am Strand. Am nächsten Tag schauten wir aus unserem Hotelzimmer hinüber zur majestätischen Alhambra. Abends sind wir per Bus hinauf zur Burg, was einer Stadtrundfahrt gleichkommt, wenn man nicht weiß, wo die richtige Haltestelle ist. Die vor gebuchten Alhambra-Tickets besagten nämlich, wir hätten an meinem Geburtstag anderntags für 16.30 Uhr die Führung durch den Nasriden-Palast reserviert. Aber wie lange man auf dem Gelände nach ihm würde suchen müssen, das stand da nicht. Und es war Montag und alles geschlossen.

Und so waren wir auch die einzigen, die über den romantischen Paseo de Tristes hinunter zur Stadt wanderten – den Weg der Traurigen–, dorthin, wo wir das berühmte maurische Künstlerviertel Albayzyn mit seinen weißen Häusern und engen Gassen vermuteten. Gefunden haben wir es nicht, obwohl wir schon am Aussichtspunkt der Kirche San Sebastian standen. Der maurische Geist ist uns sozusagen verschlossen geblieben.

Aber wir haben unter der Alhambra im Halbmondschein köstliche Tapas gegessen und konnten unser Spanisch überprüfen. Um Mitternacht haben wir an der Poolbar auf meinen Geburtstag angestoßen. Die Sterne funkelten wie in dem berühmten Lied von Fritz Wunderlich, aber Paula hatte keine maurische Rose für mich organisiert. Natürlich habe ich die Trauer erst einmal versteckt und es mir positiv gemalt: Die Rose war sie ja eigentlich selbst. Und: Im nach-maurischen Kulturkreis, dem christlichen, symbolisiert diese Blume ja Jungfräulichkeit. Die wollte sie mir wahrscheinlich nicht unterstellen. Obwohl…na ja, das ist ein anderes Thema.

Der Besuch der Alhambra funktionierte dann reibungslos, es gab nicht zu viele Touristen, die trockene Hitze war erträglich. Ich stand in den herrlichen Gärten in einem bunten Kleid, das Oma noch getragen hat, weil ich gewünscht hätte, sie wäre bei uns. Der wunderschöne Nasriden-Palast hat mich dann leider „kalt“ gelassen, denn die ägyptischen Tempel oder die Terrakotta-Armee in China hatten mir irgendwie eindrucksvollere Geschichten erzählt. Fast kam ich mir wie Oma vor, die gegen Ende des Lebens während unserer großen Schiffsreisen manchmal sagte: „Na ja, ob ich das nun gesehen habe oder nicht – sterben muss ich trotzdem.“

Am nächsten Tag streikten in Frankreich die Fluglotsen und die spanischen hatten sich aus Solidarität krankschreiben lassen. Unser Flug wurde als einziger gestrichen. Und in Frankfurt sollte ich am Abend wieder die Großfürstin spielen! Da konnte ich dann neidvoll mein Kind bewundern, wie es mit London telefonierte, um eine Umbuchung zu tätigen! Und Dank einer kompetenten holländischen Dame am Check-in-Schalter – ich nehme alles zurück, was ich während der WM gegen die Holländer gesagt habe – hätte ich die Vorstellung schaffen können. Aber dann kam ein Getriebeschaden am Auto hinzu. Die „Oderhähne“ disponierten um und Lutz Stückrath sprang ein – nicht als Großfürstin – aber mit dem Programm „Bitte recht feindlich“. Wir landeten nach 22 Uhr in Berlin.

Als später alle Geburtstagsfeiern verklungen waren, hat mich der melancholische maurische Geist doch noch eingeholt. Granada, historisch gesehen Sinnbild einer Vertreibung aus dem Paradies, ist ein Energiepunkt der Erde, der den Blick auf Emotionen und Reflexionen über Liebe und Vergänglichkeit öffnet und sie gleichzeitig vor Dir verschließt und Dich in eine leere Welt zurückstoßen kann. Sensible Seelen sollten vorsichtig sein beim Betreten der schweigenden Mauern. In diesem Sinne seid umarmt von

Eurer Daggie