Musiklegenden des Ostens – jot w.d.-Serie, Teil 72 

In der Juli-Ausgabe 2004 begannen wir, Künstler vorzustellen, die in der Jugendzeit vieler unserer Leser – also in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren – Schlagzeilen machten. 

Wie geht es den Publikumslieblingen von einst heute? jot w.d. traf viele von ihnen. Wir setzen unsere Serie in dieser Ausgabe  mit dem Sänger Herbert Klein fort.

Eine Zusammenstellung aller bisherigen Beiträge in dieser Serie finden Sie hier.

 

Herbert Klein

 

Der Schlagersenior aus Berlin

 Als ich Herbert zuletzt auf der Bühne erlebte, war er knapp 89. Das war im „Haus der Begegnungen“ am Hultschiner Damm in Mahlsdorf. Es war indes nicht der letzte Auftritt des Urberliner „Schlagerseniors“. Hatte er doch gerade ein neues Bühnenprogramm getreu dem Motto „Wir über 60“ erarbeitet – mit Gesang, Gedichten, der Erinnerung an Hits beliebter Schlager-Solisten der Vergangenheit und einem Quiz fürs Publikum für die „grauen Zellen“. Vor allem in Freizeit- und Senioreneinrichtungen ist der Sänger ein gern gesehener Gast. Hat er doch seit Anfang der 50-er Jahre die Schlagergeschichte des Ostens mitgeschrieben und kennt die Szene wie kaum ein anderer.

Seit fast 65 Jahren steht Herbert nun schon auf der Bühne. Angefangen hatte alles 1945 mit einem Engagement des Ingenieurs und Hobbymusikers als Gitarrist und Sänger bei einer Tanzkapelle im Berliner Varieté Nordlicht. Das war 1945, kurz nach Kriegsende.

    
 Der damals 25-Jährige hatte an einer der vielen Zettelwände zwischen „Tausche Plättbrett gegen Weißbrot“ die Anzeige „Kapellenleiter sucht Musiker“ entdeckt. „Ich borgte mir eine Gitarre, spielte vor, sang mit eigener Begleitung und bekam so mein erstes Engagement zur Tagesgage von 20 Mark“, erinnert er sich. Damals war das eine Menge Geld, und so konnte er sich wenig später sogar eine eigene Mikrofonanlage mit Kristall-Mikro anschaffen – in jener Zeit eine kleine Sensation. Die Bekanntschaft mit dem damals angesagten Sänger Bully Buhlan verhalf dem jungen Mann 1947 zu einem Engagement beim Orchester Kurt Widmann. Schon bald folgten die ersten Live-Sendungen im Haus des Rundfunks an der Masurenallee, einige davon mit seiner späteren Ehefrau und Gesangspartnerin Sonja Siewert. Sonja war nicht nur Duett- Partnerin, sondern auch eine viel beschäftigte Swing-Solistin beim Leipziger Orchester Kurt Henkels. Bald wurden die beiden Berliner (damals wie heute leben sie unweit der Schönhauser Allee) als „Singendes Ehepaar“ bekannt, denn die „Weiße Hochzeitskutsche“ war im Oktober 1951 auch bei ihnen vorgefahren.Noch heute wird der Schlager von 1950 bei so mancher Trauung gespielt.
 Die beiden sangen dann einige Zeit in den Gesangsgruppen „Die singende Vier“ und „Flamingos“. Sie machten Rundfunk- und Plattenaufnahmen, tourten im In- und Ausland und waren oft zu Gast bei damals beliebten TV-Sendungen wie „Da lacht der Bär“ oder „Amiga- Cocktail“.

Mitte der 60-er Jahre zog sich Herbert Klein mehr und mehr von der Bühne zurück, blieb aber im Metier, ob als langjähriger Mitarbeiter der Berliner Konzert- und Gastspieldirektion (KGD) oder als Klubleiter eines Wohngebietsklubs in Lichtenberg.

1983 gründete er gemeinsam mit gestandenen Schlagersängern der 50-er und 60-er Jahre die „Interessengemeinschaft Oldies“. Mit seinen „Oldies“ gestaltete er ein Programm für den Interpretenwettbewerb 1984 im damaligen Karl- Marx-Stadt. Dafür gab es sogar eine Goldmedaille. Die Bühne gehörte nun wieder zu seinem Leben. So tourte der Sänger mit seinem Klubprogramm „Im Schlageralbum geblättert“. Das ist auch der Titel seines Buches, das 2003 im Rohnstock-Verlag erschien. Untertitel: Streiflichter aus dem Leben des Singenden Ehepaares Sonja Siewert & Herbert Klein. Seit der Buchpremiere im Friedrichstadtpalast hat er inzwischen zahlreiche Lesungen bestritten. Und die sind höchst lebendig, greift der Schlagersenior dabei doch immer wieder zum Gesangsmikrofon oder erzählt Storys aus seinem Berufsleben. Bis vor kurzem fuhr der nun fast 90-Jährige noch selbst mit seinem Auto zu den Veranstaltungen.

 

Abb.: Noch im vergangenen Jahr trat Herbert im AWO-Haus in Mahlsdorf auf. 1952 war Herbert (2.v.r.) Mitglied im Orchester von Karl Golgowsky, im DDR-Fernsehen machte er 1988 auch eine gute Figur.

Fotos: Dittmann, Archiv

 Wer glaubt, im Hause Siewert- Klein werden nur Schlager gehört, irrt. In ihrer kleinen Wohnung nahe der Schönhauser stapeln sich neben diversen Hörbüchern viele CD’s von Klassik bis Jazz. Letzterer gehörte schon immer zur musikalischen Vorliebe der beiden. Zum geistigen „Fit-Halten“ sind täglich nach dem Mittagsschlaf Spielerunden angesagt, auch Skat wird gern mal mit Freunden geklopft. Am 26. August wird Herbert Klein 90 Jahre alt.

Ingeborg Dittmann